Die österreichische Lohn-Preis-Regelung vom August 1947 sah vor, daß die Gewerkschaften bei einer Erhöhung der Lebenshaltungskosten um mehr als 10 v. H. eine Überprüfung des Abkommens verlangen konnten. Überprüfung bei der Vereinbarung war der Preisstand auf den „gesetzlichen“ Märkten, obgleich im Durchschnitt je Kopf und Tag 600 Preissturz „Schwarz“ eingekauft werden. Der Preissturz für „schwarze“ Ware seit der Währungsreform (Dezember 1947) verbilligte die tatsächlichen Lebenshaltungskosten und mehrte praktisch den Reallohn; die Indexziffern der Lebenshaltungskosten aber, die indie zugeteilte Ware berücksichtigen, stiegen infolge gewisser Preiskorrekturen über den „kritischen Punkt“.

Die nun fällig gewordene Neuauflage des Lohn-Preis-Abkommens gewährt eine allgemeine Lohnerhöhung von 6 v. H., einen starren Zuschlag von 34 Schilling als Ausgleich der seit dem 11. Oktober geltenden höheren Preise (für bisher im Preis subventionierte Grundnahrungsmittel) und eine Kinderbeihilfe von 23 Schilling je minderjähriges Kind, Der prozentuale Lohnzuschlag geht zu Lasten der Arbeitgeber, ist auf die Preise nicht abwälzbar und unterliegt als echter Einkommensteil der Besteuerung und den sozialen Abgaben. Den Steuer- und abgabefreien Lebensmittelzuschlag zahlt ebenfalls der Arbeitgeber; die Leistung der Kinderbeihilfe übernimmt die öffentliche Hand. Diese Lastenverteilung bedeutet nach vorsichtigen Schätzungen für die Privatwirtschaft über 700 Mill., für die öffentliche Hand rund 1030 Mill. Schilling an Mehraufwand. In der Privatwirtschaft werden die neuen Lasten durch die gewaltige Produktionssteigerung der letzten zehn Monate etwa ausgeglichen – allerdings auf Kosten der Investitionen, die bedingt sind durch den Erneuerungs- und Nachschaffungsbedarf. Dadurch verringern sich die Aussichten auf weitere Preissenkungen durch eine. Kostendegression bei fortschreitend rationellerer Arbeitsweise, wie auch für die Wettbewerbsfähigkeit der österreichischen Waren auf dem Weltmarkt. Manche Wirtschaftskreise befürchten überdies, daß viele Mittel- und Kleinbetriebe unter dem Druck der neuen Lasten zur Freistellung von Arbeitskräften gezwungen sein werden. Im Zusammenwirken mit dem eben einsetzenden jahreszeitgemäßen Anwachsen der Arbeitslosenziffer könnte dadurch die ohnehin heikle Lage auf dem Arbeitsmarkt verschärft werden. Über die Deckung des Mehraufwandes der öffentlichen Hand stehen keine festen Daten zur Verfügung. Der längst mit Recht verlangte Abbau der wirtschaftshemmenden Steuern und Abgaben scheint nunmehr wieder in weite Ferne gerückt, wenn auch eine gewisse Entlastung des Staatshaushalts durch den gleichzeitigen Wegfall der Agrarpreisstützung eintritt

Keine Berücksichtigung fanden im Abkommen die Interessen der großen Masse der „Neuarmen“, die ihre geretteten Vermögensreste bei den höheren Lebensmittelpreisen schneller, als bisher nötig war, aufzehren werden.

In der Entscheidung zur Lohnfrage sieht der Schwarze Markt eine große Chance. Seine Haltung schon seit Beginn der Verhandlungen ließ erkennen, daß er die angekündigte Verteuerung der zugeteilten Lebensmittel mitzumachen und den Löwenanteil des prozentuellen Lohnzuschlages aufzusaugen gedenkt – soweit eben, die starke Progression der Lohnsteuer den Lohnzuschlag nicht überhaupt zu einer bloßen Geste des guten Willens einschrumpfen läßt. Die Besserung der Lebensbedingungen, die Ihren Ursprung zum Teil im Preissturz auf dem Schwarzen Markt hatte, würde also sehr bald durch Preiserhöhungen Im Schwarzhandel aufgezehrt werden. Die neuerliche Preisstoppverordnung, der auch wieder die nicht mehr bewirtschafteten Güter unterworfen wurden, be- wirkt auf dem legalen Markt, daß sich gewisse Waren zur Flucht vor dem Geld vorbereiten, Einzelne Wirtschaftszweige tätigen Abschlüsse Sur zu freibleibenden Preisen. Das plötzlich erwachte Interesse des Gastgewerbes für Weinkäufe und noch mehr die völlig ablehnende Haltung der Weinbauern, die keine Lust zum Verkaufen zeigen, das Fehlen jeden Angebots und die drängende Menge der Kauflustigen auf dem Grundstücksmarkt, das deutliche Anziehen der Preise für Gold, Juwelen und sonstige „Wertbeständige Güter“ sind unzweifelhaft eine weitere Stufe in der psychologischen Wandlung des Verhältnisses des einzelnen zu Geld und Ware, – cz.