Die „Moralische Aufrüstung“ kannte man in Deutschland bisher vornehmlich durch Berichte aus Caux. Jetzt ist auf Einladung mehrerer deutscher Landesregierungen zum ersten Male eine Spielschar der „Moralischen Aufrüstung“ selbst mit Dr. Buschmann, dem Initiator dieser Bewegung, nach Deutschland gekommen, um für die Idee, von Caux auch in der deutschen Öffentlichkeit zu werben. In Stuttgart, München, Frankfurt a. M., Essen und Düsseldorf stellten mehr als 200 Personen aus elf verschiedenen Ländern die Revue „Der gute Weg“ (The good road) dar. Neun Monate lang war sie von derselben Truppe in amerikanischen Städten gezeigt worden.

In sketchartigen Szenen wird der Mensch gezeigt, der unter den verwirrenden Parolen der Gegenwart einen richtigen Weg sucht. Die Spannungen in einer Durchschnittsfamilie werden dabei als Beispiel und Gegenbeispiel vorgeführt! Auseinanderstreben, Gereiztheit, Krach – solange jeder seinen eigenen Neigungen nachgeht. Harmonie, Freude, sobald die Rücksicht auf den andern das Handeln bestimmt. Arbeitskämpfe in der Fabrik, wenn jede Partei nur ihren Vorteil sucht; Zusammenwirken am gemeinsamen Werk, Arbeitsfreude, Lebenserfüllung, wenn beide Seitenden Menschen im Gegner entdecken. Im zweiten Teil der zweieinhalbstündigen Aufführung weitet eine über viele Einzelbilder hinweg durchlaufende Handlung den Kampf des Materalismus und seiner Verbündeten um den Einzelmenschen „Jedermann“ ins Nationale und Weltpolitische aus. „Es muß alles anders werden“ – „es kann alles anders werden“, wenn jedermann anders wird. Amerika wird von Washington, Jefferson, Franklin und Lincoln auf die sittliche Verantwortung hingewiesen, die es mit Macht und Reichtum für die Welt übernahm. Für Frankreich erscheint Jeanne d’Arc, für Italien Franz von Assisi, für Deutschland Johann Sebastian Bach.

Man bemerkt, daß die „Idee“ der moralischen Aufrüstung der undogmatische Moralextrakt der Religionen ist. Aber mit der Entfernung vom spezifisch Religiösen,. verliert diese „Idee“ die Fähigkeit zur Symbolbildung und damit zu künstlerischer Kristallisation. Deshalb ist man zunächst frappiert. von der Unbekümmertheit, in der hier Marsch-Ensembles, Show-Nummern und Tanzdielen der amerikanischen Revue mit dem Bachschen Choral oder Lebenden Bildern historischer Persönlichkeiten zusammengebracht werden. Kabarettistisches, dann wieder tiefgründige Diskussionen und eine Musik, die sich in animierend unterhaltenden Bezirken abspielt, gehen damit ein szenisches Amalgam ein. Doch dies geschieht mit einer so großen Treffsicherheit, daß man bald vergißt: diese 200 Menschen sind gar keine Künstler von Beruf, sie sind eine Laiengemeinschaft, die sich selbst spielt, weil sie von einer gemeinsamen Idee ergriffen ist. Der jugendliche Elan und der ungewohnt gewordene Anblick einer von Japan und Indien bis Amerika reichenden internationalen Menschengruppe auf einer deutschen Bühne, das war es wohl, was augenblicklich auf die Zuschauer übersprang. Mit

diesem Gastspiel hat die „Moralische Aufrüstung“ in Deutschland– um ihre eigene Terminologie zu gebrauchen – eine Schlacht gewonnen.

Johannes Jacobi.