Groß – breit – gelassen, aber impulsiv, wenn es um Recht und Menschlichkeit geht; scharf und energisch, oft brüsk und doch voll souveränen Humors und jener bewundernswerten angelsächsischen Eigenschaft teilhaftig: die komplizierten Dinge einfach sehen und darstellen zu können, so steht Richard Stokes, ein Mensch zwischen den Politikern unserer Zeit.

Man muß ihn einmal gesehen haben, wenn er im House of Commons aufspringt und die stolzerfüllten Ausführungen des Wirtschaftsministers Wilson über den Abschluß des englisch-russischen Handelsvertrages mit dem ernüchternden Zuruf unterbricht: „Und die 15 Millionen Strafgefangenen, die in den russischen KZs für diesen Vertragspartner Sklavenarbeit leisten?“ Und man muß sich zurückerinnern an die lange Kette nichtendender Interpellationen, mit denen Stokes, selber Mitglied der Regierungspartei, die verantwortlichen Deutschlandminister seit Hynds Zeiten geängstigt hat. Diese vielen Anfragen über die verzögerte Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen, die er mit der Feststellung kritisierte, „nicht mangelnder Schiffsraum ist daran schuld, sondern die Tatsache, daß es unserer Wirtschaft zugute kommt, wenn die Gefangenen im Lande bleiben“ –, sein frühzeitiger Kampf für die Einstellung der Denazifizierung und der Demontage in Deutschland und gegen mancherlei Mißstände in der Militärverwaltung.

Dieser Mann mit den ungefügen Bewegungen und dem aufrührerischen Geist, der das fünfte Jahrzehnt, soeben überschritten hat, wirkt in der Welt der heutigen Politiker – deren Eintagspolitik er verspottet – wie ein Urgeschöpf einer aussterbenden Spezies, das in sprichwörtlicher Weise die künstliche Nippes-Welt moderner Politik immer wieder zertrümmert, weil ein wirklicher Mensch in dieser schemenhaften Welt einfach ein Sprengkörper ist! Er sagt von sich, er, sei nicht Politiker, sondern Kaufmann – Stokes ist leitender Direktor einer großen Maschinenfabrik –, und doch versteht er von Politik vermutlich mehr als die meisten Berufspolitiker, einfach deshalb, weil er weiß, daß die Welt eines allgemeinen Gleichgewichts bedarf und daß der Vorteil eines einzelnen Staates nur Bestand haben cann, wenn auch die anderen dabei auf ihre Josten kommen: Maßstab hierfür sind ihm Verwirft und Gerechtigkeit. „Ich setze mich nicht für Deutschland ein, weil ich die Deutschen besonders gern hätte, sondern weil ich ein Mensch bin und die Menschen liebe“, sagte er neulich bei einem Vortrag in Hamburg.. Dff