Der Satz, man könne den Frieden nur wahren, indem man den Krieg vorbereitet, ist ein gefährlicher Satz, gefährlich darum, weil man so leicht ein Opfer der List dieser Idee wird, die unversehens eine Motivierung in ein Motiv verwandelt und unbemerkt die Strategen an die Stelle der Politiker schiebt. Gerade soviel Zeit wie von der Erklärung, der Atlantic-Charta bis zu ihrem unrühmlichen. Ende in Potsdam verging, hat es seitdem gebraucht, um das Ideal der Entmilitarisierung preiszugeben. Noch 1946 hielten die in der UNO vereinten Nationen der Welt es für ihre selbstverständliche moralische Pflicht, den alten Idealen, für die sie in den Krieg gezogen waren, treu zu bleiben’ und nicht mit jenem System zu paktieren, das Hitlers Nationalsozialismus und Mussolinis Faschismus hatte errichten helfen. Spanien wurde diplomatisch boykottiert und Argentinien war das einzige Land, das seinen Botschafter nicht zurückrief. Inzwischen hat es sich jedoch als zweckmäßig erwiesen, die politischen Probleme nicht durch eine moralische Brille sondern durch ein strategisches Vergrößerungsglas zu betrachten und dabei sind nun allerlei neue Gesichtspunkte zu dem alten Problem deutlich geworden. Warum eigentlich, so fragen die südamerikanischen Staaten, und der große Bruder im Norden hört es nicht ungern, sollte Spanien nicht in die UNO aufgenommen werden, wenn schließlich die östlichen totalitären Staaten unbeanstandet zu diesem demokratischen Gremium gehören? Und würde, wenn Franco im spanischen Bürgerkrieg nicht den Kommunismus niedergekämpft hätte, der Marshall-Plan überhaupt lebensfähig sein?

Bei der Gründung der westeuropäischen Union hatte man sich darauf geeinigt: „Die Grundsätze der Demokratie, sowie die parlamentarische Tradition und die Herrschaft des Gesetzes, die ihr Erbe sind, zu bewahren und zu stärken“. Aber abgesehen davon, daß Francos Armee, die die zweitstärkste auf dem westlichen Kontinent ist, jedem Verteidigungspolitiker in die Augen sticht, erscheint ein westeuropäisches Verteidigungssystem ohne die Flugplätze der iberischen Halbinsel und ohne den Zugang zum Milchmeer äußerst fragwürdig. Und so stellte denn Senator Gurney, der Vorsitzende im Wehrausschuß des amerikanischen Senats, der vor kurzem von zwei Generälen und einem Admiral begleitet, in Madrid war, fest: was geht es uns an, was für eine Regierungsform ein anderes Land hat und ‚,jedes Land, das den Kommunismus bekämpft, ist unser Freund“. Das ist die gleiche Begründung, mit der man seinerzeit gemeinsam mit dem Teufel Kommunismus auszog, um den Beelzebub Hitler auszutreiben. Die Geschichte unserer Tage läuft mit so großer Beschleunigung ab, daß es den vermeintlichen Akteuren kaum mehr gelingt, die dazugehörigen Theorien zu formulieren, geschweige denn die Handlung zu gestalten. Als Churchill 1945 in Spanien die Monarchie restaurieren wollte,- um damit das Franco-System zu neutralisieren, ließen die republikanischen Ideale der USA dies nicht zu, inzwischen hat Franco mehr Trümpfe denn je in der Hand und spottet der amerikanischen Bemühungen, die verpaßte Chance heute nachholen zu wollen. Dönhoff