Von Herbert Fritsche

Im Gegensatz zur rein wissenschaftlichen Psychologie ist die praktische ganz und gar auf Hilfe in der Not eingestellt. Die Not ist heute ein uferlos weites Meer. Auch jener Teilbezirk daraus, dem sich die Tagung der Studiengesellschaft für praktische Psychologie mit dem Rahmenthema „Die Familie als Gegenwartsproblem“ im Oktober zu Bad Pyrmont widmete, reicht in fast unüberblickbare Weiten, Tiefen und Höhen.

Man hatte unbegreiflicherweise alle Nichtakademiker von der Teilnahme ausgeschlossen, obwohl gerade die Volksschullehrer, Wohlfahrtspfleger und Fürsorger, die auch, wenngleich in Abwesenheit, fortwährend angesprochen wurden, ein Riesenheer praktischer Psychologen von weitreichender Bedeutsamkeit darstellen. Die präsidierenden und auch sonst übergeordnet maßgeblichen Irrenärzte hatten jedoch auch solchen Rednern im Rahmen des reichhaltigen Tagungsprogramms das Wort erteilt, die außer naturalistischen Faktoren noch andere und höhere Maßgeblichkeiten kennen und anerkennen. So war denn der Kongreß auf eine überaus charakteristische Weise vom ersten Tage an in zwei Lager gespalten, die nicht aneinander vorbei-, sondern über- und untereinander hinwegredeten. Bei der großen Vorliebe für wissenschaftliche Fachworte, die gepflegt wurde, könnte man diese beiden Lager als das der Resignations- und das der Integrationstherapeuten kennzeichnen: die einen versuchen gleichsam nach unten hin zu heilen; der Abbau unbequemer Ideale, die seelische Störungsursachen abgeben, erscheint ihnen wünsehenswert; die anderen hingegen erkennen erst dann die Heilung eines Menschen oder einer Situation als vollzogen an, wenn höhere Sinngebung gezeigt und eine dementsprechende Sinnverwirklichung zustande gebracht worden ist.

Bereits der erste Kongreßtag machte die Spaltung deutlich. Der präsidierende Psychiater Störring schloß seine Einleitungsworte mit der Erklärung, man wolle hier nicht etwa mit Weltverbesserungsplänen an die Öffentlichkeit treten, was, konsequent zu Ende gedacht, die ganze Tagung im vorhinein sinnlos machte. Als der Hamburger Soziologe Ritschl in seinem ebenso geistigen wie – praktischen Einführungsvortrag jede nur naturalistische Bewertung der Familie ablehnte und ein umfassendes therapeutisches Programm zur Behebung der mannigfachen Erkrankungen der Familie von allen Seiten und Standpunkten her entwickelte, trug ihm das eine erste sanfte Rüge ein: er habe damit den Rahmen überschritten, den seine Fakultät ihm gesetzt haben müßte. Von da an spielte das Motiv der Rahmensprengung die beherrschende Rolle. Die Irren- und Nervenärzte pflegen zumeist, wie einer der Diskussionsredner treffend bemerkte, in der Beschränkung auf ihr beruflich und methodisch eingeengtes Blickfeld sämtliche anderen Wirklichkeiten auszuklammern. Der Göttinger Theologieprofessor Trillhaas sprach schon am ersten Vormittag den Satz aus: „Man kann im Grunde keine Psychologie ohne Anthropologie treiben“, das heißt die Frage nach Wesen und Wert des Menschen gibt die entscheidende Vorbesinnung ab. Ihm antwortete der bekannte Chromosomenforscher Fritz Lenz, daß für den Menschen nicht Umweltgegebenheiten maßgeblich seien, sondern Vererbungsgesichtspunkte: Anthropologie sei nun einmal menschliche Erblichkeitslehre, An diesem Punkte entzündete sich die Diskussion: Einer der Redner wies darauf hin, daß „Anthropologie“ im engeren akademischen Sinne jahrzehntelang nichts anderes war als die Lehre vom menschlichen Skelett, daß sodann jedoch eine Menschenkunde, die den Menschen auf Erbfaktoren reduzierte, zwölf Jahre lang in Theorie und Praxis eine unumschränkte Exekutivgewalt gehabt habe: „Vestigia terrent! Die Spuren, die jedem Empiriker von da her noch vor Augen liegen, verlocken nicht, ihnen nochmals nachzufolgen!“

Das Wort „Metaphysik“ fiel. Es wurde im weiteren Verlauf der Tagung immer deutlicher, daß nur diejenigen wirkliche Wege seelischer Hilfe anzubieten hatten, denen ein Zugang zu höheren als bloß biologischen Wirklichkeiten möglich war. Man mußte an das Wort des Klinikers Rosenbach denken, das vor einem halben Jahrhundert gesprochen wurde: „Jede Krankheit ist überdeterminiert“, das heißt sie hat eine Überfülle direkter und indirekter Verursachungen. Nur diejenigen, die hoch genug stehen und sehen, um auch die obersten Bereiche der Determinierung ins Blickfeld zu bekommen, sind imstande, Determinierungen niederen Grades ebenfalls wahrzunehmen und ranggemäß zu bewerten, nicht umgekehrt: Der höhere Standpunkt, die weitere Sicht vermögen alles Engere mitzuumfassen, während die „Beschränktheit“ – ganz gleich, ob es sich um die primitive, die naturalistische oder die akademische handelt – selbstverständlich dadurch definiert ist, daß sie das ihre Sichtweite Überschreitende oder Überragende nicht einmal wahrzunehmen, geschweige denn zu bewerten vermag.

Bei der lebhaften Diskussion um das aktuelle Thema der künstlichen Beendigung von Schwangerschaften blieb eines der wichtigsten vorgetragenen Argumente bei denen, die es anging, ohne Widerhall: Der Göttinger Gynäkologe Langeheine wies darauf hin, daß die Gutachten, die eine künstliche Schwangerschaftsbeendigung auf Grund von Verzweiflungsdepressionen Verlingen, zwar von Psychiatern angefertigt werden, den Eingriff selber jedoch muß der Gynäkologe vornehmen, über dessen Gewissen dabei einfach hinweggesehen zu werden pflegt. Ein weiterer Einwand von Lentrodt, daß eine künstlich beendete Schwangerschaft erfahrungsgemäß früher oder später schwere seelische Wunden bei der Mutter zu setzen pflege, wurde sonderbarerweise in einem Kreise, der sich nicht gesetzgeberischen oder chirurgischen, sondern praktisch-psychologischen Problemen widmen wollte, unbeachtet gelassen. Dafür kam im gleichen Zusammenhange ein einziges Mal volle Übereinstimmung der zahlreichen Tagungsteilnehmer zustande: die Übereinstimmung in lange anhaltender herzlicher Heiterkeit, als bei der Erörterung des Vergewaltigungsproblems ein Psychiater versehentlich, wenngleich mit Pathos den Satz formulierte: „Die Vergewaltigungen machen nicht die Amtsärzte, die machen wir.“

Nicht ganz die gleiche Gemeinsamkeit der Erneuerung ergab sich aus; einem Vortrag, dessen Ergebnis einer seiner Kritiker, der Göttinger Psychologe v. Allesch, in dem Sitz zusammenfaßte, man habe hier gesehen, daß glückliche Menschen auch in der Ehe glücklich und unglückliche auch in der Ehe unglücklich sind. Bemerkenswert ist dabei, daß die Erkenntnis des Inspektors Bräsig, die Armut komme von der Pauvreté, auch mittels vieler tausend Fragebogen und mehrjähriger Arbeit von Hollerith-Maschinen zuwege gebracht werden kann. –