Wyschinskis in Moskau die Fahnen der UNO-Mitgliedsstaaten anläßlich des dreijährigen Jubiläums der Vereinten Nationen noch wehten Und man in der Welt glaubte, der Kreml werde vielleicht doch noch entschließen, die Resolution des Sicherheitsrates über Berlin zu akzeptieren, die peinlichst jeden Prestigeverlust der Sowjets vermied, sprach Wyschinski im Palais Chaillot das 28. „njet“ des Kreml. Damit ist die Berliner Krise in ein neues Stadium getreten, und wenn sie vor die Vollversammlung gebracht wird, sind die Folgen heute noch kaum zu übersehen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Berliner Blockade am Ende zu einer Blockade der Sowjetunion durch die UNO führen könnte

Die Gründe, die Wyschinski veranlaßt haben mögen, sein Veto auszusprechen, sind unverständlich. Denn wenn es sich überhaupt bei der Annahme der Resolution um einen Prestigeverlust gehandelt hätte, dann wären es bestimmt nicht die Russen gewesen, die einen solchen zu befürchten hatten. Bei der Resolution, die von den „Neutralen“ im Weltsicherheitsrat eingebracht worden war, konnte von einer Bestätigung der Beschwerde der Westmächte, Rußland bedrohe den Weltfrieden, keine Rede mehr sein Selbst das Wort Blockade war vermieden worden. Die Entschließung sah, ohne auf die Schuldfrage einzugehen, die sofortige Aufhebung aller Reise- und Transporteinschränkungen zwischen Berlin, und den Westzonen sowie die gleichzeitige Einberufung einer Viermächtekonferenz zur Einführung der Ostmark als alleiniger Währung für Berlin vor. Das Währungsabkommen sollte bis zum 20. November fertiggestellt sein. Zehn Tage Bach seinem Inkrafttreten sollte der Außenministerrat seine Beratungen zur Regelung der gesamtdeutschen Fragen beginnen.

Das Aufgeben der Berliner Blockade hätte natürlich nicht das Ende des tiefen Konflikts zwischen Ost und West herbeigeführt. Es hätte höchstens die Einsicht der Russen zeigen können, daß sie bisher eine falsche Taktik angewandt haben. Nun, da nichts dergleichen geschehen ist, erhebt sich die Frage, ob das Fortbestehen der Berliner Blockade nicht den ohnehin scharfen Gegensatz zwischen den Großmächten weiter verschärfen wird. Doch muß dies nicht notwendig eintreten Wenn man bedenkt, daß weder die Westmächte noch die Sowjetunion in näher Zukunft es um Berlins willen zu einem Kriege kommen lassen wollen, könnte man sogar annehmen, daß die Berliner Krise unter den vielen anderen Streitobjekten einmal im Sande verlaufen wird. Hier spielt. offensichtlich eine bedeutende Rolle die Oberzeugung der beiden Parteien – und zwar bei jede – daß die Zeit für sie arbeite und ein Aufschieben des Konflikts nur Vorteile bringe.

In der Zwischenzeit werden natürlich, neue Schachzüge gemacht werden, und es würde nicht überraschen, wenn die Russen bald mit dem Vorschlag auftrumpfen, die vier Besatzungsmächte sollten Deutschland räumen. Im Kreml wird man mit einem solchen Vorschlag kaum etwas riskieren, weil die Kommunisten in Ostdeutschland eine mehrere hunderttausend Mann starke Volkspolizei besitzen, die in der Lage wäre, Westdeutschland zu überfluten und jede Regierung zu stürzen. Daß die Westmächte gerade aus diesem Grunde einen solchen Vorschlag nicht annehmen können, steht, außer Frage, selbst dann nicht, wenn sie riskieren müssen, den Russen einen großen Propagandaerfolg zu überlassen.

Das Vorhandensein starker kommunistischer Polizeikräfte in der sowjetischen Zone ist überhaupt ein Faktum, das die Westmächte in Zukunft in ihren Plänen und Maßnahmen werden berücksichtigen müssen. Sie werden – wenn sie sonst nicht außer Westdeutschland auch sich selbst aufgeben wollen – Gegenmaßnahmen ergreifen und ihrerseits vielleicht starke Polizeikräfte aufstellen müssen. Damit hätte Rußland einen Schritt erzwungen, von dem wir am Ende des Zweiten Weltkrieges mit Genugtuung vernahmen, daß wir ihn nie wieder zu tun brauchten.

B-w