Die Popularisierung des paneuropäischen Gesprächs mußte dazu führen, daß die Probleme vielfach in bewußt vereinfachten, schablonisierten Begriffen dargestellt wurden. Die Gefahr, die darin liegt, hat manchmal auch ernsthafte Politiker in ihrem Urteil irritiert. So kommt es, daß zuweilen Vorschläge gemacht werden, die im Hinblick auf den gegenwärtigen Stand der Entwicklung nicht realisierbar sind, Das auf stürmischer, vernebelter See schlingernde und stampfende Schiff wird den paneuropäischen Hafen, den es sucht, nur dann erreichen, wenn die Route immer wieder genau überprüft wird. Mit der Magnetnadel des politischen Instinktes allein ist es dabei nicht getan. Es bedarf dazu einer sorgfältig ausgearbeiteten Kompaßrose, aus der die Chancen und Fährnisse des Weges exakt abgelesen werden können.

Diese Einsicht war es wohl, die den Rektor der Heidelberger Universität, Professor Geiler, zu einem Versuch angeregt hat, dessen Fortgang mit Interesse beobachtet werden sollte. Geiler grünlete, von deutschen Wissenschaftlern und auch von Politikern und Männern der Wirtschaft unterstützt, eine „Europäische Akademie“, die ich die Aufgabe stellt, die Voraussetzungen eines Zusammenschlusses der europäischen Länder und die sich aus ihm ergebenden Probleme auf der Grundlage wissenschaftlicher Untersuchungen zu prüfen. So soll für die Arbeit der Politiker fundiertes Material verfügbar gemacht werden. Im Senat der Akademie, der die wissenschaftliche Arbeit zu leisten hat, sitzen bewährte Männer der Praxis neben angesehenen Vertretern der Theorie. Eine so glückliche Mischung geistiger Interessen und Kenntnisse könnte sehr praktikable Ergebnisse in derKonkretisierung der Fragestellung hervorbringen.

Der Senat gliedert sich in mehrere Arbeitsklassen, die europäische Verfassungsfragen, Rechtsfragen, Währungs- und Finanzprobleme, Kulturfragen, die Koordinierung des Verkehrswesens u. a. behandeln. Die Arbeitsgruppen werden sich von Zeit zu Zeit an dem Sitz der Akademie in Schlüchtern (Hessen) treffen, wo sich später, sobald der Kontakt mit prominenten Persönlichkeiten des Auslandes hergestellt sein wird, auch diese in das Gespräch einschalten sollen. Die Konstituierung der Akademie fand kürzlich auf Schloß Ramholz bei Schlüchtern statt, nicht weit von der Burg Steckeisberg, wo Ulrich von Hutten das Licht der Welt erblickte, in der er dann ein so streitbarer, fortschrittlicher Kämpfer war. Die Wahl gerade dieser Geburtsstätte könnte für die Arbeit der „Europäischen Akademie“ ein gutes Omen sein. Robert Strobel