Die Liste der Namen, deren Träger nach 1933 ihrer Ämter enthoben worden sind, ist lang, und sie spricht eine andere Sprache. Springorum mußte den Vorsitz beim „Langnamaverein“ und bei der „Nordwestgruppe“ niederlegen; Dr. Schlenker, der Geschäftsführer dieser beiden in Personalunion stehenden maßgebenden Organisationen des Industrie Vereins, wurden zwangsweise abgesetzt. Albert Vogler verlor Men Vorsitz im Verein deutscher Eisenhüttenleute. Krup v. Bohlen die Leitung der Reichsgruppe Inustrie, Brandl den Vorsitz in der Bezirksgruppe e Ruhr des Kohlenbergbaus, v. Loewenstein schied als Geschäftsführer des Bergbauvereins aus. Ernst Poensgen mußte seine Ämter bei der Düsseldorfer Industrie- und Handelskammer und bei der „Nordwestgruppe“ niederlegen, und Henseler die Leitung des Feinblechverbandes. Aus den Konzernleitungen – schieden zwangsweise aus: Paul Reusch- und Hermann Reusch von der GHH (Gutehoftnungshütte), Dr. Henle von Klöckner, der zugleich die Leitung des Stabeisen Verbandes verlor, und Dr. Löser, der zum Goerdeler-Kreis gehörte, bei Krupp. Der Übertritt von Goerdeler selbst in das Krupp-Direktorium wurde untersage Freiherr v. Wilmowsky, der Aufsichtsratvorsitzende der Friedr. Krupp AG., mit der Familie Krupp v. Bohlen verschwägert, wurde nach dem 20. Juli 1944 als Mitverschworener verhaftet. Ricken, der Leiter der Bergwerke im RWE-Konzern, starb 1943 für seine politische Überzeugung. Und Kost, der heutige Generaldirektor der DKBL, der schon 1934 als politischer Gegner des Systems verhaftet worden war, entging 1945 nur knapp dem Gestapokommando, das zu seiner Erschießung ausgesandt war.

Als bekannt darf gelten, wie im Prozeß gegen Alfred Krupp Bohlen und gegen die Krupp-Direktoren entschieden worden ist; mit dem Spruch, der nach dem freisprechenden Zwischenurteil wegen einer Kriegsverbrechenschuld unerwartet scharf auf Einbeziehung des gesamten Vermögens lautete – zu wessen Gunsten aber, ist Frölich noch nicht gesagt...

Krupp ist, oder war, bis zu diesem Urteilsspruch der Familienkonzern in der Montanindustrie schlechthin. Hier also, aber auch nur hier, war der einstmals vorherrschende Typ in reiner Ausprägung erhalten geblieben. Als „Familienkonzerne“ gelten weiterhin die Klöckner-Werke, obwohl die Verhältnisse bei ihnen bereits recht anders liegen. Die Familie, von der übrigens kein Namensträger mehr am Leben ist, kann zwar, ohne die Kapitalmehrheit zu besitzen, über eine „vorgeschaltete“ Holding-Gesellschaft, die als Familienstiftung erscheint, einen erheblichen Einfluß auf die Geschäftsführung ausüben. Ein Drittel des Kapitals von nom. 105 Mill. liegt aber bei 3500 Aktionären, von denen nur einige wenige einen über 50 000 und 100 000 Mark hinausgehenden Besitz haben, so daß also ein sehr erheblicher „Streubesitz“ vorhanden ist. Und ein weiteres Drittel des Kapitals ist, als früheres deutsches Auslands Vermögen, in ausländische (vorwiegend holländische) Hände übergegangen, ohne daß sich vorerst sagen ließen wer nun die neuen Besitzer sind. Beim Konzern der GHH (Gutehoffnungshütte) ist der alte Hanielsche Familienbesitz zwar gleichfalls noch zu einem Teil erhalten, mittlerweile aber, in der dritten Generation, in einige Hunderte von Einzelposten aufgesplittert. Sonstige „Großaktionäre“ gibt es hier wohl nicht, jedenfalls sind sie nie in Erscheinung getreten! auch die Familien Reusch und Carp verfügen, soweit bekannt, nur über relativ geringe Beteiligungen. – Noch „typischer“, in dem Sinne, daß der Einfluß der Gründerfamilien auf die Konzerne, die den alten Namen weitertragen, praktisch bereits erloschen ist, sind die Verhältnisse bei Hoesch und bei Mannesmann. Es trifft schon zu, daß der Name Mannesmann in der Agadir-Krise des Jahres 1913, wegen der marokkanischen Erzinteressen dieses „Industriemagnaten“, eine erhebliche Rolle gespielt hat – nur war dieser selbe Mannesmann schon fünfzehn Jahre vorher aus der Gesellschaft ausgeschieden, die er (zur Verwertung seines Patents für die Herstellung nahtloser Röhren) gegründet hatte. Er war damals also ein selbständiger Unternehmer, ein Finanzier, und hatte mit der westdeutschen Montanindustrie im allgemeinen und mit dem Konzern, der seinen Namen trug, im besonderen überhaupt nichts mehr zu tun. Dieser Konzern ist, seinem finanziellen Aufbau nach, wirklich eine Société Anonyme: von dem nom. 180 Mill. Mark betragenden Aktienkapital weiß man nur, daß zwei oder drei größere Pakete, im Betrag von jeweils etwa 1 Mill. Mark, vorhanden sind, und daß eine erhebliche Minderheit von nom. etwa 15 Mill. Mark in ausländischem (vorwiegend britischem) Besitz ist. Die große Masse des Kapitals aber liest bei den Einzelaktionären, 40 000 an der Zahl, deren Besitz sich also durchschnittlich nur auf nom. 4000 Mark beziffert.

Nicht viel anders ist es bei Hoesch, wo man gleichfalls, auf Grund von Erhebungen, die durch mehrere Großbanken angestellt wurden, recht genau über die Besitzgliederung Bescheid weiß. Das nom. 135 Mill. Mark betragende Kapital verteilt sich auf rund 20 000 Aktionäre, so daß der durchschnittliche Besitz also gleichfalls bei nom. 4000 Mark liegen mag. Wirkliche „Großaktionäre“ sind weder die Angehörigen der Gründerfamilie, noch die Erben aus der Hansmeierdvnastie der Springorum: in beiden Fällen handelt es sich um relativ geringfügigen Besitz.

Selbst beim „Stahlverein“, also der Vereinigte Stahlwerke AG., ergibt sich das – für den Außenstehenden zunächst überraschende – Bild einer sehr breiten Aktienstreuung. Neben einigen großen Beteiligungspaketen, deren Geschichte wohl geschrieben zu werden verdiente – sie wäre zugleich ein Stück Zeitgeschichte, mit stark politischem Einschlag – ist eine gewaltige Zahl von wirklichen Kleinaktionären vorhanden, die gut ein Drittel des Kapitals von insgesamt nom. 460 Mill. in Händen haben. Zwischen der Masse der anonymen Kleinaktionäre und den Inhabern der geschlossenen großen Pakete stand, an Zahl gering, an Einfluß erheblich, mit einem Besitz, der im Einzelfall kaum je über nom. 1 Mill. hinausgegangen sein dürfte, die Gruppe der „Funktionäre“. Hier wäre etwa Albert Vogler zu nennen, der 1945 freiwillig in den Tod gegangen ist, und Ernst Poensgen, der, jetzt auch schon über 70 Jahre alt, nunmehr in der Schweiz lebt.

Weiterhin ist nun auch der Fiskus, und nicht etwa nur als „stiller Partner“, insoweit er die Steuererträge vereinnahmt, eine gewichtige Figur innerhalb der Schwerindustrie. Das gilt weniger für die Eisen-, um so mehr aber für die Kohlenseite, wo sich ja auch, über die Förderquote, die Anteile der einzelnen Gruppen am Besitz sehr viel klarer ermitteln lassen, als bei der so vielgestaltigen Eisen- und Stahlgewinnung. Am Zechenbesitz von Nordrhein-Westfalen, der zu v. H. oder, wenn man die indirekten Beteiligungen mitrechnet, zu 12 v. H. in der Hand ausländischer (vorwiegend luxemburgischer – Arbed – und französischer) Gruppen liegt, (nicht gerechnet den Anteil des im Saargebiet beschlagnahmten Stumm-Konzerns, über dessen Schicksal noch nichts weiter entschieden ist), partizipiert der Fiskus mit fast 20 v. H. Etwa gleich groß ist der Besitzanteil des „Stahl Vereins“, während Flick (über Harpen) 9 v. H. und Krupp 8 v. H. besaß. Die übrigen Stahlkonzerne, also Hoesch, Klöckner, GHH und Mannesmann, folgen mit Anteilen, die zwischen 3 und 7 v. H. liegen. Die Stinnes-Gruppe schließlich, die lediglich auf der Kohlenbasis beruht, also keine Interessen in der eisenschaffenden Industrie hat, steht mit knapp 2 v. H. nahezu am Ende der Reihe.

Ein Sonderfall verdient noch Erwähnung. Das ist der sogenannte Konzern der Ilseder Hütte: eigentlich gar kein Konzern, sondern ein typisches Einzelunternehmen, das, obwohl es bei ihm gar nichts zu „entflechten“ gab, trotzdem in die Entflechtungsaktion einbezogen wurde. Und das, obwohl rund die Hälfte des Aktienkapitals, aus einer alten Viag-Beteiligung her, bereits im Besitz der öffentlichen Hand liegt, während kein größerer Paketbesitz existiert, also nur Kleinaktionäre vorhanden sind: darunter, mit einer erheblichen Beteiligungsquote, der Aktionärverein der Arbeiter, gegründet 1863, somit noch zur Zeit des Welfenkönigreichs. Das ist also eine Einrichtung von ehrwürdigem Alter. Die Besitzverfassung aber, die hier vorliegt, ist so modern, wie sie es nur irgend sein kann. J. P. H.