Ich habe in dieser Nacht kein Auge mehr zugetan. Denn eines war mir klargeworden: ich hatte soeben mit dem wirklichen Reichstagsbrandstifter gesprochen. Was konnte Karl Ernst und mit ihm Heines und Röhm anderes veranlaßt haben, um mein Leben zu bangen, als die Tatsache, daß in ihren Reihen die Täter zu suchen waren? Man wird mir hier vielleicht entgegenhalten, daß solche Landsknechtsfiguren – das waren sie zweifellos – niemals solcher kleinbürgerlicher Ressentiments fähig wären! Aberdamals fand ich keine andere Erklärung für das Verhalten von Karl Ernst und finde sie auch heute nicht. Jetzt wurde mir auch verständlich, warum Dr. Sack sofort und ohne Einschränkung, lediglich auf meine Unschuldsbeteuerung hin, sich mit größtem Eifer bemühte, diese meine Unschuld vor dem Reichsgericht nachzuweisen. Es wurde doch später bekannt, daß er zum sogenannten Röhm-Flügel gehört hatte und mit Karl Ernst und dem Grafen Helldorf eng befreundet war.

Mag das Gespräch auch kein eindeutiges Schuldeingeständnis von Karl Ernst enthalten, so bedeutet es doch ein starkes Indiz für meine Auffassung, daß Karl Ernst mit einer kleinen Gruppe ausgewählter Berliner SA-Männer den Plenarsaal des deutschen Reichstages mit selbstentzündbarem oder leichtentflammendem Brandmaterial präpariert und die schon, geschilderte Mitwirkung van der Lubbes veranlaßt hat. Dabei mag der unterirdische Gang zwischen dem Reichstagspräsidentenpalais und dem Reichstagsgebäude eine Rolle; gespielt haben. Wer aber waren nun die SA-Männer, die bei der Brandstiftung mitgewirkt haben? – Es gibt zu diesem Punkt zwei Versionen. Die eine ist enthalten in dem angeblichen Brief des SA-Mannes und persönlichen Dieners von Röhm, Ernst Kruse, den dieser am 10. Juli 1934 aus der Schweiz an Hindenburg geschrieben haben soll. Allerdings verbürgt sich ein Göttinger Rechtsanwalt und Notar für die Echtheit des Briefes. Aber wo ist dieser Ernst Kruse seither geblieben? Warum hat er nie wieder etwas von sich hören lassen? Nach seiner Darstellung haben Röhm, Heines und Karl Ernst bereits am 10. Februar eine Gruppe von zehn SA-Männern für die Brandstiftung zusammengestellt. Kruse nennt auch Namen und sagt, daß er selbst beteiligt war. Gisevius nennt in seinem Buch andere Namen: Hall, Heim Gewehr und „Schweinebacke“. Kruse kennt diese Namen offenbar nicht. Wie im Braunbuch ist auch bei Kruse zu lesen, daß van der Lübbe ein Höriger Röhms war, der mit Fackeln, die man ihm lieferte, arbeiten sollte. Heines und Karl Ernst hatten die Leitung der in zwei Gruppen arbeitenden Männer; das Brandmaterial waren Zellophansäcke, mit Zellophanstreifen und einem weißen Pulver gefüllt. Zwei Proben durch den unterirdischen Gang fanden statt, es klappte alles wie am Schnürchen Die Anstifter waren Göring und Goebbels. Soweit der Brief Kruses ...

Ganz anders sieht die Sache in der zweiten Version aus. Es ist die Story von Gisevius, die sich auf die Aussagen des Zuchthäuslers Rall, eines Mitgliedes der SA-Stabswache Karl Ernsts, stützt. Rall weiß nichts von Kruse, und Gisevius, der sich auf Rall stützt, weiß nichts Rechtes mit van der Lübbe anzufangen; das Brandmaterial ist bei ihm eine Tinktur; Röhm und Heines waren nicht dabei; dafür sind es aber auch hier zehn Mann, von denen drei, nämlich Rall, Heini Gewehr und „Schweinebacke“, namhaft gemacht werden. Nach Gisevius hat zwar Goebbels den Plan-entworfen, aber Göring ist nicht beteiligt.

Wtlche Version ist die richtige? Wahrscheinlich keine von beiden! Der wirkliche Täter war Karl Ernst mit einer Gruppe ausgewählter SA-Männer, die den Plenarsaal präpariert haben. Am Rande agierte der ferngesteuerte van der Lübbe, der glaubte, mit Kohlenanzündern, seiner Tacke und der Samtportiere am Präsidentenstuhl einen welthistorischen Brand gleich Herostrates angelegt zu haben. Für die Röhm-Leute mag das Motiv zu ihrem Handeln gewesen sein, die nationalsozialistische Revolution voranzutreiben und von der deutschnationalen Umklammerung loszukommen. Ob Hitler davon gewußt, Göring der Anstifter war und Goebbels den Plan entworfen hat, ist unerheblich; ja, es wird wahrscheinlich nie zu beweisen sein. In jedem Fall war für sie dieses infame nationalsozialistische Verbrechen das Fanal zur Niederschlagung der Arbeiterklasse und zum Raub aller demokratischen Freiheiten.

Was aber konnte ich mit meinen neu gewonnenen Erkenntnissen anfangen? Ich saß in dem „netten“ Polizeigefängnis, das Göring mir versprochen hatte und das sich als das Strafgefängnis Berlin-Plötzensee entpuppte. Es blieb bei der völligen Isolierung in Einzelhaft. Genau so wurde auch, Thälmann behandelt, erst in Hamburg, später in Hannover. Ich konnte nicht, ahnen, daß diese Einzelhaft in Plötzensee mir von seiten meiner Parteifreunde bereits im Oktober 1935 als „bessere Behandlung durch die Gestapo“ ausgelegt und den dritten Punkt der Begründung für meinen Ausschluß aus der KPD darstellen würde. Ende Februar las ich in den Zeitungen, daß Dimitroff, Popoff und Taneff nach Ablegung der bulgarischen und Zuerkennung der russischen Staatsbürgerschaft mit einem Flugzeug der Lufthansa nach Moskau gebracht worden wären. Ich staunte ob so viel Großzügigkeit Hitlers, freute mich aber, weil ich. mir nun auch für mich eine Chance ausrechnete. Aber so billig sollte ich nicht davonkommen! Mein Leidensweg war noch lange nicht zu Ende!

Zunächst kamen Pressephotographen, um eine Reihe von Aufnahmen von mir in der Zelle und draußen bei der Freistunde zu machen. Es sollte mit diesen Photos bewiesen werden, daß ich nicht im Sterben liege. Es kamen Beamte der Gestapo und legten mir Paßphotos vor von Personen, die ich identifizieren sollte. Ich erklärte ihnen wörtlich: „Sagen Sie Ihren Auftraggebern: Ich hätte angenommen, daß sie sich, wenn nicht schon früher, so doch während des Prozesses ein Bild Von meinem Charakter gemacht hätten. Dann nämlich würden sie wissen, daß ich nichts und niemanden zu verraten habe. Ich weiß nichts und selbst, wenn ich etwas wüßte, würde ich nichts sagen.“ Von da ab wurde ich nie wieder mit solchen Dingen belästigt. Andere Vernehmungen folgten, aus denen ich entnehmen mußte, daß ein neuer Hochverrats-Prozeß gegen mich, diesmal in Gemeinschaft mit Thälmann und einigen anderen führenden Genossen, deren man habhaft geworden war, vorbereitet wurde. Mit was für törichten Aussagen mußte ich mich dabei herumschlagen! Eine besonders krasse ist mir noch in Erinnerung geblieben. Mehrere Kellner eines gutbürgerlichen, Hamburger Restaurants hatten zu Protokoll gegeben daß im Januar 1933 Thälmann mit mir und einer Reihe anderer Funktionäre in diesem Restaurant furchtbar gerecht hätten, und im Verlauf dieses Gelages hätte Thälmann in die Tasche gefaßt, viele Tausendmarkscheine herausgeholt und jedem von uns ein Paket gegeben. Das sollte nach Meinung des vernehmenden Beamten gewissermaßen die Finanzierung eines geplanten bewaffneten Aufstandes gewesen sein. Diese Annahme war derartig grotesk, daß ich nicht anders konnte, als herzlich zu lachen. Abgesehen davon, daß ich in dieser Zeit überhaupt nicht in Hamburg war, mußte jeder, der Thälmann auch nur einigermaßen kannte, wissen, daß er eine unüberwindliche Abneigung gegen solche bürgerlichen Restaurants hatte und viel zu mißtrauisch war, um angesichts von Publikum und Kellnern auch nur die harmloseste Zahlung vorzunehmen.

Ein Tag nach der Röhm-Affäre

Nach einiger Zeit wurde mir eröffnet, daß ich mit einem neuen Gerichtsverfahren nicht zu rechnen hatte. Am 1. Juli 1934, also am Tag nach der Röhm-Affäre, erkundigte sich Dr. Goebbels höchstpersönlich telephonisch bei dem diensttuenden Beamten, ob ich noch am Leben sei oder totgeschlagen worden wäre, wie allgemein behauptet wurde. Der Beamte, der wegen seiner früheren Zugehörigkeit zur SPD degradiert worden war, gab mir ganz aufgeregt sofort Kenntnis von diesem Anruf. Danach also konnte ich mich freuen, daß ich überhaupt noch lebte ...

Eines Tages – im Juli oder August 1934 – wurde ich nach dem Gestapo-Haus zu Himmler geholt, der inzwischen Chef der Gestapo geworden war. Ich hatte keine Ahnung, was er von mir wollte. Ganz unbekannt war er mir nicht, denn ich hatte ihn bereits vor 1933 einige Male im Reichstag gesehen. Es war zunächst ein gegenseitiges Abtasten, bei dem ich feststellte, daß er eigentlich der Typ eines Oberlehrers oder eines mittleren Beamten wäre, wobei ich diesen beiden ehrenwerten Berufen in keiner Weise zu nahe treten will Ich hatte ja damals auch keine Ahnung, zu welchem schlimmen Ruf es Himmler einmal bringen würde. Er fragte mich, wie ich mir mein Leben vorstellen würde, wenn man mich freiließe. Ich setzte ihm das auseinander, indem ich auf die Möglichkeit hinwies, in einer kleineren oder mittleren Stadt, wenn man Berlin nicht für zweckmäßig halten würde, als kaufmännischer Angestellter zu leben. Unvermittelt stellte er mir die Frage: „Oder wollen Sie lieber ins Ausland gehen?“ Die Falle war zu plump gestellt, als daß ich da hineintappen konnte. Ich verneinte natürlich ganz entschieden. Damit war das Gespräch beendet, es geschah nichts, ich habe Himmler auch nie mehr gesehen.

Maria Reese berichtet

Es ereignete sich dann eine lange Zeit nichts von Bedeutung. Etwa im Februar oder März 1935 erhielt ich mehrere ausführliche Briefe von Maria Reese ausgehändigt, in denen sie ihre Erlebnisse in der Sowjet-Union schilderte. Maria Reese war kommunistische Reichstagsabgeordnete gewesen, und es war ihr am 28. Februar 1933 gelungen, über Schweden in die Sowjet-Union zu gelangen. Eines Tages durfte ich sie sogar im Gestapo-Haus persönlich sprechen. Sie war nämlich über das Saargebiet nach Deutschland zurückgekehrt und erzählte mir nun ausführlich Schlimmes über die Lage der russischen Arbeiterschaft, über das Elend der russischen Bauern, über die Zustände in der Emigration. Da sie auch von Zusammenkünften mit Trotzki in Frankreich sprach, war ich ihren Schilderungen der russischen Verhältnissse gegenüber sehr skeptisch, da ich annahm, daß sie die Dinge allzusehr durch die Brille Trotzkis sähe. Sehr beeindruckt wurde ich allerdings durch die Wiedergabe von Gesprächen mit Clara Zetkin, der alten sozialistischen Führerin der Frauen. Clara Zetkin, die ich sehr verehrte, hatte danach schon im Juni 1933 in Moskau zu Maria Reese gesagt: „Die Stalinisten wollen Torgler opfern. Du mußt sofort nach Westeuropa zurück, um den besten Verteidiger für ihn zu suchen.“ Nur ihr hatte es Frau Reese zu verdanken, daß sie wieder aus der Sowjet-Union herauskam. Frau Reese teilte mir weiter mit, daß sie ein Buch über ihre Erlebnisse in der Sowjet-Union schreiben wolle oder solle. Mich hätte sie zu fragen, ob ich einige Zeilen als Vorwort dazu schreiben würde. Es fing also ganz harmlos an...

Ich lehnte entschieden ab, hinter den vergitterten Zellenfenstern von Plötzensee auch nur eine Zeile zu schreiben. Darauf wurde ich am 20. Mai 1935 von Plötzensee abgeholt und zu einem Förster in der näheren Umgebung von Berlin gebracht. Dieser hatte nun auf mich aufzupassen, und ich konnte zum ersten Male seit mehr als zwei Jahren wieder in einem Raum schlafen, dessen Fenster nicht vergittert waren; -Hier und einige Wochen darauf in Bayern unter Aufsicht der dortigen Ortspolizei und der Münchener Gestapo mußte ich besagtes Vorwort in Gestalt eines politischen Lebenslaufes schreiben, während Maria Reese über ihre Erlebnisse in der Sowjet-Union berichtete.

Bald hatte ich heraus, worum es bei meinem politischen Lebenslauf tatsächlich ging. Hitler brauchte 1935 angesichts der bevorstehenden Olympiade eine außenpolitische Entlastung. Außerdem wähnte er sich auf dem besten Wege, gegenüber den Staatsmännern der anderen europäischen Staaten salonfähig zu werden. Ein besonderes Hindernis auf diesem Wege war die im Auslande festverankerte Auffassung, daß Nationalsozialisten die Reichstagsbrandstifter waren. Alle gegenteiligen Beteuerungen hatten, bisher nicht den geringsten Erfolg gehabt. Was lag nun näher, als mich zu einer Stellungnahme im Rahmen meines politischen Lebenslaufes zu veranlassen, wonach zwar nicht ich, aber möglicherweise doch die Kommunisten den Reichstag angesteckt hätten. Deshalb bekam ich meine Niederschrift immer wieder zurück mit der Aufforderung, mich über den Reichstagsbrand ausführlicher zu äußern. In diese Situation hinein kam dann, geradezu wie bestellt, mein Ausschluß aus der KPD. Jetzt würde ich. sicherlich keine Hemmungen mehr haben, so kalkulierte man. Man beeilte sich, mir sogar die „Deutsche Zeitung“ in Moskau Im Original vorzulegen, damit ich nur nicht auf den Gedanken kommen könnte, daß es sich um eine Fälschung handele. Ich verstand zwar den Ausschluß nicht und noch weniger die schon erörterten drei Punkte der Begründung, aber um so mehr begriff ich, wie gelegen er den Nazis kam. Ich blieb aber bei meiner These: – die Kommunisten waren es nicht! Das Ergebnis meiner Weigerung war schließlich erfreulich: die ganze Aktion wurde eingestellt es erschien nicht eine Zeile, selbst nichts von den Schilderungen Maria Reeses.

Dafür wurde ein anderer Weg beschritten, die aus Anlaß der Olympiade in Berlin zusammengeströmten Ausländer zu beeindrucken. Im Zentrum von Berlin wurden Ausstellungen der SA veranstaltet, die einen eindeutig antikommunistischen Charakter trugen. Am Eingang war jedesmal ein großes Bild aufgestellt, das mich darstellen sollte und die Unterschrift trüge „Torgler, der Reichstagsbrandstifter“. Zu der gleichen Zeit fanden auch KdF-Führungen durch den ausgebrannten Reichstag statt. Am Schluß erklärte der Führer unter Hinweis auf die unbeschädigt gebliebene elektrische Schalttafel zur Feststellung der anwesenden Abgeordneten. „Und nun das Interessanteste, meine Damen und Herren: – dieses Relais zeigte am Abend des Brandes an, daß einzig und allein noch der kommunistische Abgeordnete Torgler im Hause war. Sich darüber Gedanken zu machen, das überlasse ich Ihnen.“ Das war im Sommer 1936, und ich weiß das aus den Berichten meiner Frau; ich selbst saß in einem kleinen Städtchen Mecklenburgs unter der Obhut eines Polizeiinspektors.