Als die atheistischen, sowjetischen Führer am Anfang des zweiten Weltkrieges demonstrativ der Orthodoxen Kirche in Rußland die geraubte Freiheit wiedergaben, konnte man nur vermuten, daß Stalin nicht gerade aus religiösen Erwägungen sich zu diesem Schritt veranlaßt sah. In den verflossenen acht Jahren wurden die Ziele, die im Kreml damit verfolgt wurden, immer eindeutiger. Seitdem hat sich Patriarch Alexej, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche in der Sowjetunion, zu einem vollkommenen Instrument der russischen Außenpolitik entwickelt. Für seine Verdienste wurde er mit dem Orden der „Roten Arbeitsfahne“ ausgezeichnet.

In der Tat: die Orthodoxe Kirche Moskaus hat während des Krieges Generalissimus Stalin als Aushängeschild für Demokratie und Menschlichkeit bei den Westmächten und im eigenen Lande unschätzbare-Dienste geleistet. Die Wirkung war so groß, daß selbst im Lager der vertriebenen, antikommunistischen russischen Geistlichen in Westeuropa und Amerika bis vor kurzem eine ernste Spaltung eingetreten war.

Als die russischen „Brüdervölker“ gegen Ende des Krieges „befreit“ wurden, war wiederum Patriarch Alexej derjenige, der bei der Volksdemokratisierung der Kirchen in Rumänien. Jugoslawien, Polen und Bulgarien seine Dienste anbot. In Polen wurde der orthodoxe Metropolit Deonisij verhaftet und nach Sibirien verbannt. An seine Stelle wurde ein in Rußland lebender Pole, Timophey, zum Oberhaupt der polnischen Orthodoxen Kirche eingesetzt. Der Belgrader Patriarch Gavrilo, der während des Krieges mit König Peter in London und Kairo weilte, glaubte nach Beendigung des Krieges seine Kirche in Serbien ungestört regieren zu können. Er trennte sich von seinem König, ging nach Belgrad zurück und wurde von der Regierung und dem Volk mit Ovationen empfangen. Wenige Monate später jedoch wurden ihm von Marschall Tito Polizeiwachen vor sein Schloß gestellt, die ihn „vor der Volkswirt wegen seiner antidemokratischen Einstellung“ schützen sollten. Im Juni dieses Jahres wurde ein Kommunist, Marino Justinian, zum Patriarchen der rumänischen Orthodoxen Kirche ernannt. Nach der neuen Verfassung des Landes erfolgte die Wahl nicht wie üblich nur durch die rumänischen Metropoliten, sondern in einer gemeinsamen Sitzung mit dem Parlament, so daß von einem Einfluß der Geistlichkeit bei dieser Wahl überhaupt nicht die Rede sein konnte.

Die erste Aufgabe des neuen rumänischen Patriarchen bestand darin, durch Drohungen die griechisch-katholische (unierte) Kirche Siebenbürgens und des Banats von ihrer Verbindung mit dem Papst in Rom zu lösen und wieder in den Schoß der griechisch-orthodoxen Kirche zurückzuholen. Nachdem bereits vor zwei Jahren auch in Weißrußland und der Westukraine, den Gebieten östlich der Curzonlinie, die gleiche Rückgliederung erfolgt war, wurden nun alle unierten Christen (etwa acht Millionen) der obersten kirchlichen Autorität des Papstes entrissen.

Die gleichen Bestrebungen zur Volksdemokratie sierung der Kirche zeigten sich auch in Bulgarien. Allerdings scheint der Widerstand der bulgarischen Geistlichen noch nicht gebrochen zu • sein. Sicher nicht ohne Grund hat Georgi Dimitroff, der sich sonst peinlichst als ein aufrechter Christ zu zeigen versucht und persönlich darauf achtet, daß die Öllampe am Grabe von König Boris ewig brennt, oft unmißverständlich „den Greisen mit angetrockneten Gehirnen im Heiligen Synod“ gedroht. Trotz aller Drohungen und Verfolgungen aber haben „die Greise“ kürzlich das Oberhaupt der bulgarischen Orthodoxen Kirche, den Exarchen Stephan, zum Rücktritt gezwungen, weil, wie es in einer Erklärung des Heiligen Synods heißt, er regierungshörig sei und hinter dem Ricken der übrigen Metropoliten mit der Regierung Abmachungen getroffen habe. Immer schon haben in Bulgarien die Popen den Kampf gegen die Unterdrücker geführt.

Aber auch außerhalb des Eisernen Vorhanges entwickeln Patriarch Alexej und der Kreml eine außerordentlich große Aktivität – und erlitten eine zweite Schlappe. Als im Sommer 1946 der Patriarch von Konstantinopel, Benjamin, starb, glaubte man in Moskau, daß die Zeit gekommen sei, den Einfluß der Kirche auf die Christen in Griechenland und in der Türkei zu erweitern. Alexej glaubte in dem Metropoliten Maximos. der als Grieche in seiner Jugend wegen revolutionärer Ideen von den Türken nach Kleinasien verbannt worden war, einen geeigneten Kandidaten gefunden zu haben. Maximos wurde gewählt. Zwar ist der Patriarch von Konstantinopel nur geistliches Oberhaupt der Griechen in der Türkei, als primus inter pares wäre aber ein sowjetfreundlicher Patriarch von Konstantinopel ein großer moralischer Erfolg für Stalin gewesen. Die Ernüchterung für die Sowjets kam erst, als Patriarch Alexej seinen Kollegen Maximos in Konstantinopel besuchen wollte: Maximos vermied die Zusammenkunft, er erkrankte plötzlich und reiste nach Athen ab. Seine ablehnende Haltung erwirkte Mißtrauen bei den Russen. Im Oktober vorigen Jahres trat Patriarch Maximos zurück, weil er offensichtlich nicht die Kraft aufbringen konnte, aktiven Widerstand gegen Moskau zu leisten.

In diesen Tagen wurde ein neuer Patriarch von Konstantinopel gewählt, der bisherige orthodoxe Erzbischof Atheagoras von New York – ein Amerikaner, in Janina im Pyräus geboren, dem die Türken die türkische Staatsangehörigkeit zuerkannt haben, damit er gewählt werden konnte. Nun scheint ein wirklicher Kampf um die Macht in der Orthodoxen Kirche einzusetzen. B–w