Zu einem Buch Friedrich Rasches

Ein ‚seltsames Buch, in dem sich der Dichterselbst zum Schluß vor eine Kommission zitiert, vor der er seine Geschichten verantworten muß! Es ist eine von den vielen Kommissionen, die wir heute nur allzu gut kennen: Vereinigungen und Institutionen, die von irgendwoher das Recht ableiten, die Kunst zensieren, loben, tadeln, ja verbieten zu wollen. – Friedrich Rasche stellt eine solche Einrichtung selbst an den Schluß seiner fünf Erzählungen „Die Gehenkten“, die im Richard-Beek-Verlag in Hannover erschienen. – „Es handelt sich um eine Rücksprache über die schrecklichen Geschichten, als deren Verfasser Sie der Öffentlichkeit gegenüber die Verantwortung tragen...“ so heißt es in der Vorladung, an den Schriftsteller, die mit „Kommission zur Entgiftung des öffentlichen Lebens“ unterzeichnet ist.

Was sind das für schreckliche Geschichten? Es sind die Geschichten eines Menschen, dem der vertraute Schein der Umwelt zerbrach, dem die Wände seine Zimmers wanken, unter dem der Fußboden in eine schauernde Tiefe versinkt. Geschichten eines Menschen, der mit dem Chaos menschlicher Unzulänglichkeit auf Du und Du steht, ganz gegen seinen Willen. Geschichten eines Menschen, dem die Ermordeten und Gehenkten nachts ihre Boten schicken, damit er vor ihrem Stöhnen und Schreien erschauert. Der Dichter dieser Geschichten ist ein Mann der die Pasqualsche Konzeption vom Menschen als einem „unbegreiflichen Ungeheuer“ täglich und stündlich fühlt, der keine anderen Geschichten schreiben kann als diese, weil die einzige menschliche Wohnstatt der Abgrund ist...

Aber mehr noch: in den Geschichten Friedrich Rasches beginnen die Dinge aus der Ordnung zu treten, die ihnen der Mensch in frevelhaftem Übermut anzuweisen wagte. Der Dichter fühlt unter lähmender Angst die zum wilden Chaos verwandelte Scheinsicherheit der Welt auf sich zukommen, er ist hilf- und machtlos der Aufsässigkeit und Rache des Seins ausgeliefert: – „Nun war das Ungeheure nicht mehr unter mir, sondern auch über mir und rings um mich der Raum, der kein oben und unten kennt... der alles verschlingende Abgrund“ heißt es an einer Stelle der Erzählung „Wohnen im Abgrund“, die ebenso wie die ungemein verdichtete, vielleicht in diesem Band stärkste Novelle Rasches „Das Katzenschauspiel“ zum ersten Male in der „Zeit“ Veröffentlicht wurde.

Freilich, Rasche ist nicht der erste in der modernen Literatur, dem die Welt aus den Fugen geht. Seine Erzählungen weisen auf einen berühmten Vorgänger hin: Franz Kafka. Ja, es gibt also auch heute Menschen, die stark genug sind, das Chaos zu ertragen und uns davon mitzuteilen. Literaturkommissionen allerdings haben mit ihnen nichts zu tun. Paul Hühnerfeld