Paul Kurzbachs Oper „Historia de Susanna ist das Werk eines bisher unbekannten Komponisten. Es ist nicht unwichtig, zu wissen, daß der in Chemnitz lebende sechsundvierzigjährige Autor nach Leipziger Konservatoriumsjahren und beruflicher Tätigkeit als Volksschullehrer und Kapellmeister zu Carl Orff in die Lehre ging. Die „Historia“ schrieb er 1945/46 in der Kriegsgefangenschaft.

Eine Oper ist das Werk eigentlich nicht. Halb vom Chor erzählt, halb von Sängern dargestellt, stellenweise auch getanzt, dazu von einem Sprecher erläutert, der uns die Moral von der Geschieht’ einzuschärfen hat, ist es eine jener episch-dramatischen Mischformen, die heute das musikalische Theater beherrschen. Der Stoff ist aus der biblischen Geschichte bekannt. Susanna, die schöne Frau des Jojakim, wird beim Baden im Garten von zwei zum Richteramt berufenen Ältesten belauert. Als sie den in böser Lust Entbrannten nicht zu Willen ist, wird sie von ihnen fälschlich des Ehebruchs angeklagt und zum Tode verurteilt. Im letzten Augenblick erscheint Daniel als ihr Retter, deckt den Trug auf und überantwortet die Richter ihrer Strafe. Im Alten Testament hört Gott Susannas Rufen und erweckt den Geist des Daniel, daß er sie errette. Kurzbach wendet den Stoff aus dem Religiösen ins Allgemein-Menschliche. Er bedient sich der Sprache der Bibel, aber er aktualisiert sie mit deutlichem Hinweis auf die jüngste Vergangenheit. Dem V^lk, das gedankenträge und autoritätsfürchtig das falsche Urteil hinnimmt, stellt er Daniel als den einen mannhaft und selbständig Denkenden gegenüber, der sich gegen Ungerechtigkeit und Mißbrauch der Gewalt empört.

Der legendenhaften Vereinfachung der Handlung entspricht der Primitivismus der Musik, ihr diatonischer Zuschnitt, ihre naive Homophonie. Der Komponist verschmäht alle handwerklichen Künste, ausgenommen die der Intrumentation. Seine Abhängigkeit von Orff wird nicht zuletzt deutlich im hellen, farbigen, mit viel Schlagzeug durchsetzten Orchesterklang. In der orientalisch gefärbten, freien Melismatik der lyrischen Gesänge Susannas und Jojakims, in der skurrilen Zeichnung der Richter und den schlagkräftig rhythmisierten Chören findet Kurzbach überzeugende und knappe melodische Formulierungen. Die Eintönigkeit des harmonischen Unterbaus ist freilich zuweilen bedenklich.

Die sorgfältig vorbereitete Göttinger Aufführung (sie folgte als westdeutsche Erstaufführung der Magdeburger Uraufführung), von Kurt Haus in Kostümen unserer Zeit und mit sicherer Einfühlung in den naiven Chronikstil inszeniert, von Fritz Lehmann elektrisierend dirigiert, fand ungeteilten Beifall. Gertrud Runge