Von Karl N. Nicolaus

Um es vorweg zu sagen: ich habe Tränen gelacht. Das Zwerchfell tat mir weh. Die anderen haben auch Tränen gelacht, und ich vermute, daß ihnen die Zwerchfelle ebenfalls wehtaten. Ebenso ging es den auf der Bühne Agierenden. Auch sie lachten, bis sie es fast nicht mehr konnten. All das Gelächter war wie die Eruption eines Vulkans. – –

Nein, Worte können ein Gelächter, das so elementar ist, nicht auslösen, denn Worte zünden nur, wenn sie in einer Pointe münden. Elemenüber aber als das Wort ist das Komische, das über das Auge den Lachreiz erregt. In diesem Fall war es eine Tanzdarbietung.

Es handelt sich um „Boogie-Woogie“, jenen amerikanischen Tanz, den trainierte junge Leute, die den „Fortschritt“ auf ihre Fahne geschrieben haben, lieben und den Willi Schaeffers, der Altmeister des deutschen Kabaretts, in die Masche genommen hat, um ihn als „große Nummer“ zu starten. Er bringt ihn als Parodie (in seiner – „Melodie der Straße“, die Berlin begeisterte, die in dem verwöhnten Düsseldorf „sensationelle Erfolge“ hatte und mit der er jetzt die Zwerchfelle der Hamburger heimsucht).

Es ist eine mitreißende Parodie. Eine Entfesselung grotesker Bewegungen, die in einem wilden Karneval der Gesten durcheinandertoben. Es ist die Auflösung der Persönlichkeiten in bizarre Gebärden. Vom Standpunkt des Gesellschaftstanzes ist es Chaos. Vom Schlagzeug allein wird es zusammengehalten. Der Rhythmus zwingt den Trümmer-Menschen unter sein bizarres Gesetz.

Mit dem Swing kam etwas von der Sturheit der Maschine in den Tanzrhythmus. Die (relative) Anmut von Walzer und Polka, die Gemessenheit von Foxtrott und Tango kamen abhanden. Die räumliche Beschränkung der Tanzflächen. – man vergleiche einmal die „Tanzböden“, die unseren Eltern noch zur Verfügung standen, mit den Liliput-Tanzflächen, auf denen man heute auskommt, – führte zu einer Bewegung der Tanzenden, die für den Swing typisch wurde. Es ist ohne Zweifel, daß der Walzertänzer als Optimum ein Vielfaches der Tanzfläche braucht, mit der ein swingtanzendes Paar auskommt. – „Boogie-Woogie“ allerdings ist ebenfalls wieder raumfressend.

Ich sehe „ernsthafte“ Leute die Nase rümpfen: Mit so etwas beschäftigt sich doch ein „vernünftiger Mensch“ nicht! Und alberne Vorwürfe wie „Neger-Rhythmen“ werden von ihnen wie Handgranaten entschärft und in die Arena geschleudert – in eine Arena, die doch nur eine Stätte des Vergnügens sein soll und sein will.