Gegen was und, besonders, gegen wen wir sind, darüber hat man sich in unserem Land immer leichter geeinigt als darüber, für was wir sind und für wen. Sind wir aber einmal für einen, dann sind wir es mit der ganzen Gründlichkeit unseres sentimentalen Herzens, gleich tausend Jahre lang, wie die Vergangenheit beweist. Wie soll sich, wo die Gefühle so gern und heftig wogen, eine aktionsfähige Demokratie entwickeln? Denn es ist ja nicht nur der Mann auf der Straße, also der Steuerhinterzieher am Stammtisch, der sich in solcher Befangenheit gefällt. Die Politiker, die ihm ein besseres Beispiel geben sollten, sind zum Teil noch schlimmer als er.

Da ist der Fall Podeyn. Schon daß es überhaupt ein „Fall“ werden konnte, ist demjenigen nicht verständlich, der – nicht gewohnt ist, in parteiamtlich vorgeschriebenen Vorurteilen zu denken. Was war geschehen? In Washington findet die Konferenz der FAO, der Food Agriculture Organisation, statt. Westdeutschland wird bei solchen Gelegenheiten, solange sich nicht unsere staatsrechtliche Situation geändert hat, von Mitgliedern der Militärregierung vertreten. In diesem Fall repräsentiert uns der Leiter der Ernährungs- und Landwirtschaftsabteilung beim Zweimächte-Kontrollamt, Mr. Andrews. Er hatte zwei Mitglieder der Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft zu seiner Beratung nach Washington eingeladen: Dr. Hanau und Minister rialdirektor Podeyn, einen der engsten Mitarbeiter Schlange-Schöningens. Die Einladung war an die beiden Herren persönlich gerichtet. Sie sollten keine politische, sondern nur eine technische Funktion ausüben. Schlange-Schöningen, den Andrews um seine Meinung gefragt hatte, stimmte zu. Im Interesse der deutschen Landwirtschaft wie der deutschen Verbraucher war es nur zu begrüßen, daß auch deutsche Sachverständige – und zwar tüchtige, und Podevn gilt als ein tüchtiger Fachmann – auf der Welternährungskonferenz gehört werden sollten. Nun wirkt aber der Name Podeyn bekanntlich auf die CSU wie ein rotes Tuch. Womit sollten sich auch unsere Politiker beschäftigen, wenn sie nicht solche roten Tücher hätten? Auch ein Sepp, der kein Stier ist, geht auf ein rotes Tuch wild los. Und so kam es in der Sitzung des Fraktionsvorstandes der CDU/CSU zu einem jener Ausbrüche der Verärgerung, denen man ich um so lieber hingibt, wenn man sich davon auch einen parteitaktischen Vorteil erhofft. Nach dieser Debatte (um es höflich zu sagen) zog Schlange-Schöningen seine Zustimmung zuder Reise Podeyns wieder zurück. Der Vorgang soll nicht nur von Mr. Andrews mit Befremden beobachtet worden sein. In seinem Land ist man gewohnt, Vertreter der Opposition auch mit heiklen diplomatischen Aufgaben zu betrauen, ohne daß dies von der einen oder der anderen Partei als „Provokation“ empfunden würde. Sage mir, wodurch du dich provoziert fühlst, und ich sage dir, wie es um deine demokratische Gesinnung steht. R. S.