EineFarce nennt Max Frisch mit Betonung sein Stück "Die chinesische Mauer", das 1946 in Zürich uraufgeführt wurde und jetzt in den Hamburger Kammerspielen zu. sehen ist. Aber eine Farce in der heutigen Bedeutung des Wortes ist es bei weitem nicht. "Es geht um den Menschen", und "das Atom ist teilbar", ruft Min Ko, "ein junger Mann von heute" im dunklen Pullover, der den Zuschauern Erklärungen abgibt, die Schauspieler dirigiert und als chinesischer Dichter und Narr selbst eine Rolle spielt. Max Frisch, der Schweizer Architekt, der uns durch sein Requiem "Nun singen sie wieder" erschütterte, ist ein Selbstdenker, einer der Verantwortung spürt. Er zeigt die kranken Stellen dieser Welt auf. Er tut das hier summarisch, indem er ein Kolleg Weltgeschichte hält, beginnend bei Hwang Ti, Kaiser von China, Diktator und Erbauer der chinesischen Mauer. Pontius Pilatus, Kleopatra, Brutus, Don Juan, Kolumbus und L’Inconnue de la Seine treten ferner in dem schattenhaften Reigen auf. "Kommt nie wieder" ruft Min Ko, Dichter und "junger Mann von heute", ihnen zu, deren Taten zu dem heutigen Chaos beitrugen. Die Diktatur des einzelnen (Hwang Ti) und die Diktatur der Masse, wie sie sich am Ende des Stückes formt, erscheinen gleichermaßen gefährlich. "Das Ende, das unser Spiel nimmt, entspricht nicht meinen Wünschen, sondern meiner Angst. Ich möchte, indem ich das Gefürchtet-Mögliche zeige, nicht mehr und nicht weniger als eine Warnung geben" – diese Erklärung des Dichters ist klugerweise in das Programmheft aufgenommen. Des Publikums bemächtigt sich folgerichtig beunruhigte Beklemmung.

Aber was tut der bei uns zulande wohl überwiegende Teil der Zuschauer, den diese Überlegungen schon wiederholt bis an den Rand des Denkens gebracht haben. Er bemerkt, daß diese Lektion aus der Schulstunde für Erwachsene allein durch die glühende Intensität eines Schauspielers (Hans Quest als Sprecher Min Ko) lebendiges Theater wird und dann vielleicht noch durch eine Figur von ergreifender Menschlichkeit (Gisela Mattishent als kaiserliche Tochter). Aber man kann eigentlich nicht recht verstehen, warum jene Masken aus dem Jenseits so flehend beschworen werden, nicht wiederzukommen. Sie wirken – jedenfalls in dieser Aufführung – einigermaßen harmlos-banal. Doch welches Theater kann jede Rolle mit einem überragenden Mimen besetzen, wie es dieses-Treffen der Außergewöhnlichen fordert? Die Regie Ulrich Erfurths, die sich zwischen vager Andeutung und qualvoller Realistik bewegt, hatte es schwer. E. M.