Der amerikanische Dramatiker Thornton Wilder, der augenblicklich in Deutschland weilt, sprach im Rahmen der Gastvorlesungen der Chikagoer Universität an der Frankfurter Universität über die Aufgaben des Schriftstellers und Dramaturgen sowie über das Bild des Amerikaners in der amerikanischen Literatur. Sein neuestes Werk „Die Iden des März“ wird im Frühjahr 1949 im Suhrkamp-Verlag, Berlin, erscheinen.

Das religiös inspirierte Schrifttum zeigt seit dem Kriege in allen Ländern eine neue politische Aggressivität. Das Mittelalter war beherrscht von unbefangener Grausamkeit, die dem guten Gewissen eines schrankenlosen politischen Machtbewußtseins der Kirche entsprang. Mit dem Aufstieg des Liberalismus und in seinen Spuren kam ein schwächlicher Konformismus auf, der der Gewaltsamkeit der Herrschenden immer wieder ein Mäntelchen der Gottgefälligkeit umzuhängen wußte, Die katholische Kirche, weiser, aber auch bedenkenloser als andere Bekenntnisse, ließ in jener Epoche jeden Pakt zu, auch den mit dem Teufel, und nahm derartig willig alles und jeden in ihren Schoß auf, daß keinerlei Dogma bindend geblieben schien, außer dem der Erhaltung der eignen materiellen Macht. Aber während die geistlichen Schriftgelehrten des Liberalismus mit ihren Apologien des Bestehenden nochhinter den weltlichen Machthabern herwankten, so erleben wir heute wieder von katholischer wie von protestantischer Seite einen politischen Machtanspruch, der zwar durch Selbstläuterung begründet wird, der – aber angesichts dieser Vergangenheit wohl am ehesten als Reaktion auf die Erfolge des „Deutschen Christentums von Hitlers Gnaden und des Mussolini-Papst-Konkordats zu verstehen ist. Sicherlich gibt es auch in unserer Zeit religiöse Schriftsteller, die mit hohem ethischem Mut die Sünden des Machtrauschs gegeißelt haben; ich denke da etwa an Charles. Pèguy oder an den schönen Zorn des Spanienbuches von Georges Bernanos. Aber Einspruch muß erhoben werden, wenn der Jugend jetzt der zynische Pascal – der den Glauben als das bessere Geschäft empfahl – oder der in einem Spiegelkabinett der Lebensangst umherflatternde Kierkegaard als Führer aus ihrer Verlassenheit angespriesen werden.

Dies mußte vorausbemerkt, werden, wenn im folgenden von der Schönheit und Weisheit eines – neuen Buches des katholischen Dichters Thornton Wilder („Die Iden des März“, Harpers-Verlag, New York) berichtet werden soll. Es handel: von den einfachen und daher so schwierigen Dingen, die nur der Dichter ohne Befangenheit beim Namen nennen kann, nämlich von elementaren menschlichen Beziehungen. Wilder nennt sein Buch eine Phantasie über die Ereignisse – vom / September 45 bis zum März 44 v. Chr. –, die zu Cäsars Ermordung und zum Sturz der römischen Republik führten. Es setzt sich aus Briefen, Tagebuchblättern und Notizen zusammen, die der Dichter in gleichzeitig getreuer und freier Interpretation der Geschehnisse erfunden hat, unterbrochen durch Verse des Catull, die in diese Dichtung hineinmontiert sind und ihr harmonische Vollendung geben. Es enthält eine Reihe tiefgründiger und offenbar absichtsvoller Paradoxe. So ist es dem römischen Dichter Laura de Basis gewidmet, der im Widerstandskampf gegen Mussolini sein Leben verlor, während es in der Person Cäsars den aufgeklärten Absolutismus verherrliche Auch spricht sich der Verfasser durch seinen Helden für eine so verzichtende und abstrakte Gläubigkeit aus, daß sein Bekenntnis vom Rahmen irgendeiner spezifischen Dogmatik kaum mehr umfaßt werden kann. Für diesen: Gläubigen gilt wahrlich nicht das Wort „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, sondern weit eher das „Credo quia absurdum“.

Aber diese Paradoxie ist grade der Ausdruck der Spannweite einer Betrachtung, die sich mit Verhaltensweisen beschäftigt, wie sie für jeden und unter allen Umständen gelten; mit den Verhaltenweisen nämlich, die die Aufgabe menschlichen Zusammenlebens ausmachen. Eine Aufgabe, die zu erfüllen der Mensch dem Menschen heute, wie in allen Übergangszeiten, so unerhört schwer macht.

Es ist immer wieder wichtig zu lernen, daß rastlose Tätigkeit für andere die einzige Religion. ist, die uns über das taedium vitae erheben kann; daß die größte Genialität in einer Liebesfähigkeit beruht, die nicht wählerisch sondern allumfassend ist, während Laster und Wahnsinn einem nie gesättigten Hunger nach liebe entspringet von Menschen, die selbst keine Liebe zu geben vermögen. Ja es ist sogar – und heute vielleicht besonders – wichtig, verstehen zu lernen daß die offenbare Schlechtigkeit stolzer Charaktere vielleicht nur ihrem hochfliegenden Verlangen entspricht, die doch so enggezogenen Grenzen menschlicher Freiheit zu erproben.

Dies und vieles andre sind die Lehren, die der Dichter Wilder in einem Buch ausspricht. Und keineswegs als Lehren, sondern als Betrachtungen eines, der vor sich hindenkt, ohne viel zu fragen, ob er gehört wird oder nicht. Und die Menschen, denen er sie in den Mund legt? Ein geborener Herrscher, Cäsar; eine jugendliche Königin, Cleopatra, der er die Liebe seiner späten, schon vom Tode gezeichneten Reife schenkt; eine andere, alternde, stolze und schöne Frau, die sich vergeblich in Verbrechen und Selbstverachtung für ein vernichtendes Jugenderlebnis an der Menschheit rächen möchte; ein Dichter, der an der verzweifelten Liebe zu dieser Magdalenengestalt zugrunde geht. Ringsumher der weitere Kreis der Verstehenden und der Ahnungslosen, der Patrizier, Matronen, Chronisten, Krieger und Sklaven, der Puritaner und der Lasterhaften. Und im Hintergrund als menschlicher Vertreter letzter Weisheit eine Figur, die sich selbst an keiner Stelle des Buches äußert, in die aber alle Antworten auf die Fragen der handelnden Personen hineingelegt sind. Ein Charakter, gestaltet nach dem Bilde der zweiten. Person, der Wilder sein Werk gewidmet hat eines Mannes, der trotz Paralyse und Blindheit mehr als zwanzig Jahre lang vielen Menschen Weisheit, Mut und Frohsinn spendete.

„Die literarische Kunst entspringt aus zweierlei – Neugierde, aus einer Neugierde über die Menschen, die so weit getrieben ist, daß sie der Liebe gleicht, und aus einer Liebe für einige wenige literarische Meisterwerke, die all die reichsten Elemente der Neugierde in sich birgt“, sagt Wilder. Zu dicht gefügt ist sein neues Buch, als daß man von irgendwoher mit der Sonce der „Besprechung“ in es eindringen konnte; es will gelesen, nicht besprochen sein.