Von Alix Berdolt-Stieger

Großstädte haben das Gute an sich, daß jeder dort nach seiner Fasson selig werden kann. Man könnte sich einen Ring durch die Nase deshen, ohne Gefahr zu laufen, daß alle Leute sich deswegen nach einem umsehen. Immerhin gibt es Erscheinungen im Straßenbild, die auch für vorüberhastende Großstadtmenschen erstaunlich sind. So ist in der Erinnerung mancher Pariser der Anblick einer jungen Negerin verblieben, die im Jahre 1925 über die Boulevards zu schlendern pflegte: grellbuntes, großkariertes Trägerkleid, einen Fotografenapparat auf der rechten, einen riesigen Feldstecher auf der linken Hälfte der kühn gekurvten Rückseite baumelnd. Alles gekrönt von einem unwahrscheinlichen Federhut. Joséphine Baker – so hieß das eben aus New York importierte Negermädchen – Bühne bei einer Pariser Negerrevue. Auf der Bühne erschien sie so, wie sie Gott geschaffen, statt des Feigenblattes einen Bananenkranz um die Hüften, und das stand ihr bedeutend besser als großkariert und Federhut – so gut, daß bald ganz Paris hingerissen war und der Triumphzug durch die große Welt beginnen konnte.

Joséphine wunderte sich in aller Unschuld, warum nicht alle Frauen ihre Rundungen den Blicken der Öffentlichkeit preisgeben, wobei sie wohl nicht bedachte, daß ein solcher Anblick nicht immer erfreulich sein würde. Immerhin genügte eine derartige Auffassung der Sitten, um gewisse tugendhafte Kreise von Staat und Kirche zu skandalisieren. In Wien sollen die Glocken geläutet worden sein, als die „schwarze Teufelin“ dort auftauchte, und von der Kanzel herunter warnte der Pater Frev die Gläubigen vor der „schwarzen Venus“ als der Inkarnation aller Sünde. In Budapest mußte sie erst vor einem Gremium von Zensoren, dessen Vorsitz ein Minister innehatte, Probe spielen, und in den skandinavischen Ländern konnte sie sich auf der Straße nur mit einer Eskorte bewaffneter Polizeibeamter sehen lassen. Auch in Übersee war ihr triumphales Auftreten von einer „Chronique scandaleuse“ begleitet.

Joséphine stammte aus Saint-Louis, der tristen Fabrikstadt im Staate Missouri mitten im Baumwollgebiet. Ihre Mutter war eine echte Schwarze, ihr Vater, der sich bald aus dem Staube machte, ein Spanier. Das kleine Negermädchen – denn sie hatte mehr von der Mutter als vom Vater – wuchs im Elend, in einem feuchten Keller auf. Dort gab sie, eingehüllt in einen alten Rock der Mutter, beim Licht einer Kerze vor Straßenkindern ihre ersten Vorstellungen. Als Eintrittsgeld mußte jeder eine Nadel mitbringen. Mit sechzehn Jahren, als sie merkte, daß sie groß und schön gewachsen war, schnitt sie sich die Haare ab und brannte durch. Nach einigen Irrfahrten landete sie in New York, in Broadway-Tingeltangels. Eines Abends jedoch hatte sie die Chance, die Hauptdarstellerin in der Revue „Chocolate Dandies“ zu vertreten. Sie wurde darin ein Bombenerfolg.

Aber erst Paris begründete ihren eigentlichen Ruhm. Ein italienischer Graf, Pepito Abatino, nahm sich ihrer an. Er brachte ihr bei, wie man gehen und stehen und comme il faul die Teetasse halten muß. Sechs Jahre wachte er über sie. Inzwischen hatte sie in der Rue Fontaine ein Kabarett aufgemacht, drehte Filme und trat in den Folies-Bergère und im Casino de Paris auf. Ihr größter Erfolg wurde die Pariser Kolonialausstellung, auf der sie den berühmten Schlager, der auch heute noch nicht verklungen ist, Pai deux amours, man pays est Paris ...“ kreierte. 1931 verbot der Papst ihr Auftreten in Rom – aber elf Jahre später wird sie von dem Nachfolger des damaligen Papstes in Sonderaudienz empfangen, weil sie beabsichtigt, in Paris auf eigene Kosten eine Schule für katholische Kinder zu gründen. 1937 heiratete sie einen Industriellen, der sich jedoch sehr bald der Originalität des „schwarzen Engels“ nicht mehr gewachsen zeigte. Kaninchenzucht in der Theatergarderobe, das mochte noch angehen; aber sieben Hunde, drei Katzen, ein Schwein, drei Papageien, zwei Ziegen, eine Schlange und ein Goldfisch in der Wohnung – schon das allein konnte genügen, um den duldsamsten Ehemann aus der Fassung zu bringen.

Joséphine, die ein Schloß in der Dordogne und ein Mietshaus im besten Viertel von Paris besitzt, hat trotzdem nie Geld. Ihr Schmuck im Werte, von fünfzehn Millionen Francs landete im Pfandleihhaus. Ist sie jedoch einmal bei Kasse, so belädt sie sich, mit Lebensmitteln und geht zu den Armen ihres Viertels. Ein kürzlicher erneuter Beweis. ihrer Mildtätigkeit wurde jedoch mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen: in ihrem Haus in der Avenue Victor Hugo lagerte ein.Kohlenvorrat von 18 t – zum Entzücken der Mieter. Eines Tages verteilte Josephine diese Kohlen an die Armen. Die Mieter waren entsetzt und sehen nun mit Bangen dem kommenden Winter entgegen.

Das ist Josephine Baker. Kürzlich aber setzte sie die Welt durch eine völlig neue oder doch bis dato unbekannte Seite ihres Wesens in Erstaunen: durch ihre Kriegsverdienste. Sie erhielt nämlich das Kriegskreuz, die Widerstandsmedaille und das Lothringer Kreuz und.sogar die Ernennung zum Lieutenant à titre temporaire“. Inwiefern sie zu solchen Ehren kommt, geht aus dem Buch eines Monsieur Abtey in allen Einzelheiten hervor. Dieser Herr Abtey war Major im französischen Generalstab und schildert in seinem demnächst erscheinenden Buch „La Guerre secrète de Joséphine Baker – elftausend Exemplare sind bereits vorbestellt – die wertvollen Dienste, die Joséphine dem „Deuxième Bureau“, der Spionageabteilung des französischen Kriegsministeriums, geleistet hat.