Es gibt eine Form der Malerei, die man mit einem gebräuchlichen, aber nicht sehr schönen Wort als „abstrakt“ bezeichnet, sie wird in Deutschland von den meisten Betrachtern nicht geschätzt, von einigen geradezu gehaßt. Dieser Haß ist zum Teil politischer Natur, in Sowjetrußland gilt alle abstrakte Kunst als bourgeois. und kapitalistisch, bei den Nazis war sie als kommunistisch verschrien. Zum anderen Teil entstammt der Abscheu einer fanatischen Spießbürgern, die vom Mitmenschen verlangt, er solle genau so sein, denken, fühlen, sprechen, schreiben und malen, wie man selbst ist, denkt, fühlt, spricht, schreibt und malt. Und weil es zu den angenehmen Dingen dieses Lebens zu gehören scheint, seine Mitmenschen zu verdächtigen, so behauptet man schlankweg, diese Maler malten ja nur deshalb so „verrückt“, weil sie damit auffallen und Geld verdienen wollen.

Nun, in Wirklichkeit hungern sich diese Künstler – in Deutschland wenigstens – oft mühsam durch, und doch malen sie weiter, wie es ihnen Freude macht und wie sie es für richtig halten. Das scheint uns bemerkenswert und mutig. Und ebenso bemerkenswert und mutig ist es auch, wenn eine kleine Kunsthandlung es für ihre Aufgabe hält, solche Werke der Mitwelt bekanntzumachen, auch wenn dabei nicht viel zu verdienen ist. So handelt in Hamburg die Galerie Ruhstrat, die in Blankenese am Strand im Elbkurhaus einige wenige Räume hat mit Fenstern, durch die man die vielen Wracks im Silbergrau des Stromes liegen sehen kann, und mit Wänden, an welchen Bilder, hängen, die Sammler locken könnten, die gern Entdeckungen machen. Da ist jetzt bis Anfang Dezember eine Ausstellung von Herbert Berke, Joseph Faßbender und Hann Trier, drei rheinischen Malern, die, miteinander befreundet, alle in der Nähe von Bonn wohnen. Gewiß, manches erinnert im ersten Augenblick an Paul Klee – Berke war auch Schüler dieses großen Malers –, aber bei näherer Betrachtung sieht man, wie stark die Individualität aller drei Künstler ist.

Ihre Bilder, eine Art Monotypien, in die mit Aquarellfarben und bunter Kreide hineingetuscht ist, sind Flucht aus der Realität in das Reich einer unabhängigen Phantasie, sind der Versuch, Resignation in spielerische Freude, Verzweiflung in Optimismus zu verwandeln, sind ein Ansinnen, daß es möglich sei, mit einem Salto der Wirklichkeit zu entfliehen und mit reinen Gesetzen der Kunst das feindliche Leben zu besiegen. Dies, wenn es je ganz gelingen könnte, frevelhafte Zauberstück, vor dem Tausendundeine Nacht verblassen müßten, hat zu Bildern geführt, die formal empfindsam und in ihrer zarten Farbigkeit sehr reizvoll sind. Wer diese Kunst für einen Irrtum hält, sollte doch bemerken, daß sie viel Schönheit ausbreitet.

Die beiden nächsten Ausstellungen werden Max Ackermann und Ida Kerkovius gewidmet sein. Beide Künstler sind Schüler von Adolf Hölzel gewesen, der im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts auf so viele interessante Maler einen entscheidenden Einfluß ausgeübt hat, weil er sie immer wieder auf die einfachen Formen der Komposition – Dreieck, Kreis, Diagonale etwa – oder die Grundgesetze des Farbaufbaus hingewiesen hat. Zu seinen Schülern gehören so bekannte Künstler wie Schlemmer und Baumeister, und ihm ist es zu verdanken, daß sich in Stuttgart eine so kräftige Schule abstrakter Malerei entwickelt hat. Es wird sehr interessant sein, die Bilder von Ida Kerkovius und Max Ackermann mit den Werken der erheblich jüngeren Berke, Faßbender und Trier vergleichen zu können. Man wird dann erkennen, welchen Reichtum an individuellen Ausdrucksformen die abstrakte Malerei zuläßt und wie sich in ihr heute bereits die Unterschiede der Generationen ausprägen. Martin Rabe