„Don Giovanni“ neuinszeniert in Hamburg Die schon so oftbewährte künstlerische Arbeitsgemeinschaft Günther Rennens als – Inszenator und Hans Schmidt-Isserstedts als Dirigent feierte in der mit Spannung erwarteten Don-Giovanni-Neuinszenierung der Hamburgischen Staatsoper einen ihrer höchsten Triumphe. Wenn von dem Werke zu gelten hat, daß es wohl das idealste Beispiel einer Geburt des Dramas aus dem Geiste der Musik darstellt, einen der weniform nahezu vollständig durch eine für sich selbst zeugende Tat des Genies aufgehoben erscheint, so repräsentierte sich in dieser Aufführung eine Ganzheit der Leistung, die die tatsächliche sachbedingte Spaltung ihrer Persönlichkeitsanteile beinahe vergessen ließ. Beinahe – nicht ganz; denn es gab in der Fülle des Herrlichen, jede Kritik Entwaffnenden, einige wenige Momente, die zu vermerken erlaubt bleiben muß.So etwadie allzu derbe Komik, welche der Regisseurdem Leporello in der Verkleidungsszene mit Donna Elvira gestattete (es ist durchaus unglaubwürdig, daß-Donna Elvira hinter solcher Tölpelhaftigkeit ihren galanten Edelmann verübten könnte); und die Postierung der wirklich ausführenden drei Musikantengruppen in der Festszene anstatt „sopra il Teatro“ im Orchesterraum (was möglicherweise raumtechnische Gründe hatte, jedoch der Klangarchitektur fühlbaren Abbruch tat). Im übrigen aber, wie gesagt, ergab sich aus Rennerts zutiefst der Sprache der Musik verbundener und gerade darumdramatischwahrhaftiger, stets lebensvoll bewegter, dabei zwischen Burleske und Tragödie überlegen ausgleichender Spielführung, die durch Alfred Sierckes höchst geschmack- und stimmungsvolle Ausstattung bildhaft grundiert war, und Schmidt-Isserstedts schlechthin beglückender Partiturdurchleuchtung – welche Süße ohne Süßigkeit, welche Wucht des Ausdrucks in den dramatischen Akzenten ohne jede pathetische Klang Verdickung! – ein Gesamteindruck, der unmittelbar von der Quelle der Werkschöpfung selbst auszuströmen schien.

Zur Unmittelbarkeit dieses Eindrucks trug allerdings nicht zuletzt der Gebrauch des italienischen Textes, der italienischen Sprache bei. Der„Don Giovanni“ sollte niemals anders gesungen werden. Keineswegs, daß gerade dieser Mozart in einem tieferen Sinne italienischen Geistes wäre – wenn auchstofflich und affektmäßig südländischen; aber hier gehört die Sprache zu den phonetischen Elementen der Musik, ihre Laute sind Tonfarben so gut wie die koloristischen Werte der Instrumente.

Die Sänger fanden sich mit der Fremdsprache man eoen nur ab; sie wurden ihr fast durchweg in hohem Natürlichkeitsgrad gerecht. Das übrige taten ihre stimmlichen Qualitäten und ihre gleichwertig vorzügliche Gesangskultur. Viel schöner Belcanto war zu hören und manches echte, bestens legitimierte Buffoparlando. Auch die Charakterdarstellung traf allenthalben die entscheidende Note; es sei denn, daß bei Donna Elvira gelegentlich ein etwas kapriziöser, im falschen Augenblick sogar ironisierender Zug befremden konnte. Zählen wir nur die Namen auf: Matthieu Ahlersmeyer (Titelrolle, mit einem da capo der beim zweiten Mal wirklich bravourös gesungenen Champagnerarie), Theo Herrmann (Leporello), Clara Ebers (Donna Anna), Elfriede Wasserthal (Donna, Elvira), Lore Hoffmann (Zerline), Siegmund Roth (Komtur), Walter Geister;(Don Ottavio) und Gustav Neidlinger (Massetto), so sind darin die solistischen Träger eines Opernabends begriffen, dessen „Erdenreste“ nur die Vollendung des Ganzen bekräftigen und der aufs neue dartut, welchen künstlerischen Wiederaufschwung die Hamburgische Staatsoper ihrem neuen Intendanten verdankt. Walter Abendroth