In dem vieldiskutierten Käutnerfilm „Der Apfel ist ab“ wird gesagt, die Propaganda-Abteilung des Himmels könne einiges von der Propaganda-Abteilung der Hölle lernen. Nun, wir wollen die drei westlichen Besatzungsmächte nicht gerade als unseren Himmel auf Erden bezeichnen, aber daß sie mit den östlichen Werbemethoden nicht immer ganz Schritt halten können, läßt sich leider nicht leugnen.

Da gibt es bekanntlich jenseits des Eisernen Vorhangs immer noch den sogenannten Volksrat, ein Geschöpf der sowjetischen Besatzungsmacht. Dieser Volksrat tritt mit dreister Stirn als deutsche Instanz, als eine Vertretung ganz Deutschlands auf; Er richtet einen Aufruf an die Regierungen und Völker aller vier Besatzungsmächte. Darin wird ein Friedensvertrag für Deutschland gefordert und eine demokratische deutsche Zentralregierung, sowie der Abzug aller Besatzungstruppen innerhalb eines Jahres und die Aufnahme Deutschlands in die UNO. Ein bestechendes Programm, Und natürlich wird wohlweislich verschwiegen, daß dies alles ein Schachzug russischer Politik ist. Der deutsche Volksrat erhebt deutsche Forderungen. Bitte, deutsches Publikum, sei entsprechend nationalistisch begeistert!

Der Parlamentarische Rat in Man ist dagegen nicht einfach ein Geschöpf der Besatzungsmächte. Wir haben keine westliche Hörigkeitspartei im Stile der SED. Der Parlamentarische Rat hat sich einigermaßen bitten lassen, bis er überhaupt zusammentrat, denn wir wollen ja auch zur Freiheit gezwungen werden, anders tun wir es nicht. Seine Verhandlungen in langen Wochen waren nicht gerade sehr beschwingt, zeitliche und fruchtbar. Sie haben das deutsche Publikum noch weiter als bisher von der Politik entfernt. Aber immerhin hat man den Fleißigen in Bonn nicht bestritten, daß sie ihre akademische Gründlichkeit den Fragen unserer staatlichen Zukunft widmeten und dabei nicht nach den Besatzungsmächten schielten. Das Bonner Gremium besaß nicht genügend Phantasie und Symbolverstand, um sich einen populären Namen zuzulegen, aber es hätte jedenfalls. die Bezeichnung „Volksrat“ sehr viel eher verdient als das Scheinparlament des Ostens. Und da kommen nun unsere Westmächte und überreichen dem Parlamentarischen Rat in einem späten Stadium seiner Verhandlungen ihre wohlgemeinten föderalistischen Ratschläge zum deutschen Verfassungswerk. Nicht etwa in einer vertraulichen Besprechung, nein, es mußte ein offizielles Memorandum sein. Ja, und nun könnte man wirklich von Bonn sagen: „Der Apfel ist ab.“

Die Russen geben sich alle Mühe, die tatsächlich vollständige Hörigkeit des „Volksrats“ zu vertuschen. Die Westmächte geben sich alle Mühe, aus der tatsächlich weitgehend vorhandenen Selbständigkeit des Parlamentarischen Rats eine scheinbare Hörigkeit zu machen. Wer hat die bessere Propaganda-Abteilung?

Plötzlich bekommen nun die endlosen Debatten zwischen CDU und SPD über etwas mehr oder weniger Föderalismus ein anderes Gesicht, Denn nun könnte es so aussehen, als kämpfe die CDU nicht für eine mögliche deutsche Nuance eigener Überzeugung, sondern auf der Seite der Besatzungsmächte gegen die Einheit Deutschlands. Eine höchst unerwünschte Verschiebung, unerwünscht für alle Beteiligten. Dies hat einige Ähnlichkeit nicht mit paradiesischen Früchten, sondern mit dem Apfel, den Eris, die Göttin des Streites, unter die olympischen Götter warf. Nun, in Bonn wird kein trojanischer Krieg entstehen, wie in der griechischen Sage nach dem Apfelwurf der Eris. Aber ein Mißklang ist da, der sehr wohl hätte vermieden werden können.

Am besten wäre es, man ginge in Bonn über den ganzen Vorgang zur Tagesordnung über, wie das Professor Karl Schmid bereits vorgeschlagen hat. Der Parlamentarische Rat sollte sich nicht beirren lassen in seinem Bemühen eine deutsche Verfassung zu beschließen, ohne Seitenblicke auf die Stimmung in dieser oder jener Hauptstadt des Westens. Die Alliierten haben dann immer noch die Macht, diese Verfassung abzulehnen. Wir werden das riskieren müssen.