Deutsche Erstaufführung in Frankfurt am Main

Nachdem Paul Hindemiths im Jahre 1946 veröffentlichtes Chorwerk „Als Flieder jüngst mir im Garten blüht“, als Requiem „für die, die wir lieben“ bezeichnet, bereits in Wien unter seiner eigenen Leitung erklungen war, brachte die Frankfurter Singakademie dieses zweite, große Chorwerk des bedeutendsten deutschen Komponisten der Gegenwart zur deutschen Erstaufführung. Daß wir Hindemith nach wie vor zu den Unsern zählen dürfen, das hat er gerade in diesem, Werk aufs neue bewiesen. Es steht, um es kurz zu sagen, auf der gleichen Ebene wie sein „Mathis“, läßt in der Melodik die Töne des „Marienlebens“ anklingen und ist von jener wunderbar sauberen Wärme der Empfindung getragen, die den reifen Hindemith auszeichnet. Wenn man etwas bedauern muß. so nur dies, daß Hindemith sein Werk nicht ursprünglich auf deutschen Text komponiert hat. Nicht nur liegt uns die etwas fahle Lyrik des amerikanischen Dichters Walt Whitman der dem 1865 ermordeten amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln in seinen Prosahymnen „Die Grashalme“ ein bleibendes Denkmal setzte, allzu fern; auch Hindemiths eigene Übertragung dieser Dichtungins Deutsche ermangelt der letzten sprachlichen Formung, zumal der Komponist naturgemäß den ursprünglichen musikalischen Rhythmus beibehalten wollte.

Aber wie so oft in der Vokalmusik überflutet auch hier die Musik die Sprache und ergreift den Hörer unmittelbar. Einzelne textliche und damit auch gedankliche Begriffe werden zu musikalischen Symbolen, wie etwa der unvergeßliche Vogelruf, oder die gewaltige Vision des Trauerkonduktes. Der schöne Grundgedanke des Requiems, daß nur wir überlebenden um die, die wir lieben, leiden, daß sie selbst aber friedlich sind und glücklich, wird leider nur ganz am Rande zum Schluß angedeutet. Aber Hindemiths Musik vermag diese sehr uneinheitliche Dichtung zur Einheit zusammenzuschließen. Alle Formen und Mittel stehen ihm zur Verfügung: eine auf einem durchgängigen Orgelpunkt, aufgebaute Orchestereinleitung über einemeindringlichen Klagemotiv (mit der alten phrygischen Wendung des fallenden Halbtons, derimmer wiederkehrt) eröffnet das Werk. Die beiden Solostimmen, Alt und Bariton, also gedämpfte, zarte Stimmen, wechseln mit rezitatiwischen. fast gregorianisch anmutenden. Partien und gebundenen Liedformen in edelster Melodik. Der Chor hat große Aufgaben. Vom A-capella-Satz über begleitende Partien bis zum Marsch des Trauerzuges und einer mitreißenden großartigen Doppelfuge („Schau dies Land...“) sind alle Möglichkeiten des Chorsatzes, der dabei immer „klingt“, ausgewertet. Bezeichnend, daß Hindemith den eigentlichen Hymnus: „Denen, die wir lieben“, zu den rezitativisch vorgetragenen Worten „Da verstand ich den Tod“ in dasOrchester verlegt, gemahnend an den zweiten Satz der Mathis-Symphonie (Grablegung).

Dieses letzte Chorwerk des Meisters zeigt ihn uns als den großen Erfüller der zeitgenössischen Musik. Es wird auch die widerstiebendsten Hörer von der Kraft und der Tiefe der Musik der Gegenwart überzeugen. Die Frankfurter Singakademie brachte es unter Ljubomir Romanskys überlegener und klarer Leitung mit der wunderbar singenden Res Fischer und dem immer gewinnenden Gerhard Hüsch als Solisten zu einer vorbildlichen und eindrucksvollen Aufführung. Hans Hoffmann