Schritt um Schritt wird versucht, die Organisation des Vereinten Europas anzutreiben. Jetzt ist als vorläufig letzte internationale Veranstaltung der Kongreß der „Europäischen Föderalistischen Union“ in Rom zu Ende gegangen. Sein bedeutungsvollstes Ereignis war zweifellos die Intervention des Papstes am letzten Konferenztag.

Die Rede, die Pius XII. an die Kongreßteilnehmer gehalten hat, enthält eine offene Stellungnahme des Heiligen Vaters zu den Problemen, die von der Europäischen Föderation debattiert wurden. Zwar hat Pius XII. festgestellt, daß „der Heilige Stuhl sich davor bewahre, die Kirche in rein weltliche Interessen zu verwickeln“, anderseits jedoch sind seine Erklärungen, daß „keine Zeit mehr zu verlieren sei“ und „daß es vielleicht sogar schon zu spät sei“ ein Vereinigtes Europa zu gründen, ein klarer Beweis dafür, daß im Vatikan die Ereignisse in Westeuropa mit größter Anteilnahme verfolgt werden.

Die außenpolitische Aktivität des Papsttums bis zum Kriegsausbruch war durch den Abschluß einer Reihe von Konkordaten gekennzeichnet – die dann von den faschistischen Staaten in derselben Weise einseitig verletzt worden sind wie von den „Volksrepubliken“ des Ostens. Nunmehr hat Pius XII. es aufgegeben, nur Konkordaten sein Vertrauen zu schenken. Vielleicht realistischer als seine Vorgänger und wenn auch mit jener Vorsicht, die dem Führer einer Macht eigen sein muß, die nicht weltlich sein will, hat er begonnen, aktiv in die großen internationalen Konflikte und in die Versuche zu ihrer Lösung einzugreifen. Pius XII. meint, daß der Vatikan heute nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht habe, an den bedeutsamsten – internationalen Zusammenkünften teilzunehmen, entweder als Beobachter oder aber – wenn er es für nötig hält –, um sich zu den Problemen der Stunde zu äußern.

„Die Frage der Europäischen, Union“, sagte er in seiner auf französisch gehaltenen Rede, „bietet unzweifelhafte Schwierigkeiten; aber dennoch muß alles getan werden, daß sie sich sobald wie möglich verwirklicht. Wir müssen die bedauernswerten Auswirkungen des Krieges auslöschen und gegen die Rückkehr zur Gewalt ankämpfen., Um zur Verwirklichung, dieser christlichen Einheit zu gelangen, muß man von den großen Nationen fordern, daß sie einen Teil ihrer vergangenen Größe opfern, sich mit den anderen Völkern des Kontinents in eine Linie einreihen und so eine wirkliche europäische. Familie gründen.“

Eines der Motive, wegen derer der Heilige Stuhl sich heute offen für die internationalen Fragen interessiert, ist die Entwicklung der katholischen Parteien. In Frankreich hat sich gezeigt, daß die MRP in Gefahr steht, viele Mitglieder zu verlieren. Zweifellos ist de Gaulle in den letzten Monaten gerade von katholischen Elementen Frankreichs unterstützt worden, die der MRP ihre Stimme versagt haben. Der Vatikan will aber offenbar nicht, daß auch Frankreich in das iberische Fahrwasser gerät, unter ein faschistisches System also, wie es in Spanien und Portugal besteht. Auch die italienische neofaschistische MSI-Bewegung unter Almirante hat in der letzten Zeit Zulauf von vorher christlichdemokratischen Elementen bekommen. Die Rede des Papstes bedeutet deshalb für alle diejenigen Katholiken, die geneigt sein könnten, den Lockrufen von rechts nachzugeben, eine ernste Mahnung, dem Nationalismus neofaschistischer Prägung und der nationalistischen Isolierungspolitik de Gaulles und Almirantes zu widerstehen. Fritz Gordian, Rom