Bei der Neubegründung des organisatorischen Fundaments der Reichsbahn wird die Stellung ihres Verwaltungsrates besonders wichtig. Er soll nach dem Willen des Gesetzgebers entscheidende Befugnisse haben, nämlich das oberste Leitungsorgan der Reichsbahn sein, Gleichzeitig hat er auch die Aufgabe eines Verbindungsgliedes: zu dem Kreis der Eigentümer des Reichsbahnvermögens einerseits, zu den Verkehrstreibenden anderseits. Die Arbeit der Reichsbahn als einer ausgesprochenen Fachverwaltung kann nach einheitlicher Auffassung nur sachlich sein. Die Stellung des Verwaltungsrates ist dagegen, nach den bisherigen Erörterungen, offenbar noch nicht eindeutig festgelegt. Die Mitglieder werden vom Wirtschaftsrat, vom Länderrat, von der Wirtschaft und von den Gewerkschaften entsandt. Damit entsteht die Frage, wieweit sie an politische Weisungen gebunden sind.

Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte beweisen, daß im Verwaltungsrat kaum je Entscheidungen zu treffen sind, die irgendwie durch eine politische Haltung beeinflußt werden. Wenn das so ist, dann sind keinerlei Gründe zu finden, daß man überhaupt die Auswahl der Verwaltungsratsmitglieder unter politischen Gesichtspunkten trifft. Vielmehr sollte dann die fachliche Eignung allein ausschlaggebend sein. –

Die Selbständigkeit der Entscheidung wird dabei gleichermaßen von den Vertretern aller Gruppen im Verwaltungsrat der Reichsbahn zu fordern sein. Wollte man einen Teil der Verwaltungsratsmitglieder mit politischen Bindungen versehen, dann würden schon hieraus alle Nachteile entstehen, die nun einmal eine politische Marschroute mit sich bringt. Die politische Bindung würde weiterhin häufig eine Rückendeckung der Verwaltungsratsmitglieder erforderlich machen und dadurch die Schnelligkeit der Entschlüsse wesentlich beeinträchtigen.

Alle sachlichen Gründe sprechen also dafür, die Verwaltungsratsmitglieder lediglich auf sachliche Aufgaben zu verpflichten. Deshalb sollte auch die Führung des Verwaltungsrates, unter rein sachliche Gesichtspunkte gestellt werden. Dies wiederum wird am besten durch, eine Wahl des Vorsitzenden durch die Mitglieder des Verwaltungsrates geschehen. Diese Wahl wird denjenigen Vorsitzenden bringen, der das Vertrauen des Verwaltungsrats hat, also die beste Gewähr für ein ersprießliches Zusammenarbeiten bietet.

Derart würde man zwar die mitunter gewünschte Personalunion zwischen dem Direktor der Verwaltung für Verkehr und dem Vorsitzenden des Verwaltungsrates nicht schaffen; es wäre aber verfehlt, deswegen etwa eine „Zweispurigkeit“ der Arbeit zu befürchten. Es steht durchaus nicht fest, daß ein solche Personalunion die Arbeit des Verwaltungsrates und sein Verhältnis zur Verwaltung für Verkehr reibungsloser gestalten würde. Wie dieses Verhältnis sich entwickelt, ist keineswegs eine Frage der Organisation, sondern der Persönlichkeiten, die miteinander zu arbeiten haben. Wird der Direktor für Verkehr kraft seiner Stellung gleichzeitig Vorsitzender des Verwaltungsrates, dann können in dieser Zwangsläufigkeit genau so gut Gründe zu Reibungen entstehen, nämlich dann, wenn dieser Direktor für Verkehr der Mehrheit der Verwaltungsratsmitglieder, die ja von den verschiedensten Stellen her kommen, nicht genehm ist.

Man muß sich überhaupt fragen, ob Erörterungen über mögliche Gegensätze jetzt, bei der Vorbereitung des Gesetzes, sachdienlich sind. Sicher muß ein Gesetz auch die Möglichkeiten von Gegensätzen behandeln, aber es; sollte doch gerade bei solchen Rechtsvorschriften, wie sie hier nötig sind, von der Grundlage einer vertrauensvollen Zusammenarbeit ausgegangen werden. Die Auswahl der Verwaltungsratsmitglieder sollte in persönlicher und fachlicher Hinsicht mit dem Ziel erfolgen, wieweit die einzelne Persönlichkeit zu dieser Zusammenarbeit aus ihren sachlichen Erfahrungen heraus einen positiven Beitrag zu der Arbeit leisten kann. Organisatorische Zwangsexperimente sind kaum nötig. –m