Von Walter Persian

fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, weil von anderen weltpolitischen Sensationen übertönt, lief eine kurze, aber immerhin bemerkenswerte Nachricht um den Erdball: „... gegen die Regentschaft des XIV. Dalai-Lama hat sich eine Aufstandsbewegung entwickelt, die Rebellen dringen bereits auf Lhassa vor ...“

Tibet und Lhassa sind vielen nur sehr unklare geographische Begriffe, mit denen sie noch unklarere Vorstellungen von „lebenden Buddhas“ und lamaistischen Mysterien verbinden. In diesem Lande des ewiges Schnees und Eises, zwischen Wüsten, Wildnissen und aufgetürmten Bergketten, glauben die Bewohner daran, daß die Gebirgsschluchten, Luft und Wasser von Dämonen und Geistern bevölkert sind, die leidenschaftlich um das Geschick der dortigen Menschen ringen. Um sich ihrer zu erwehren und um die wochenlang unterwegs befindlichen. Pilger zu schützen, erhalten unzählige Steinmetzen von reichen Tibetern den Auftrag, an senkrechten Felswänden Sprüche aus den buddhistischen Texten, kolorierte Buddhabildnisse, oder das bekannte „Om mani padme hum“ einzumeißeln.

Asiens Rückgrat, des tibetischen Reiches natürlichster Festungswall und zugleich der Erde gewaltigstes Gebirge ist der Himalaja. Nach Süden hin steht er wie eine Schirmwand vor Indiens Dschungeln und des heiligen Ganges Niederungen, im Osten dehnt er sich bis zu dem Lieblingsvolk des Buddha, Burma, und im Westen reicht er bis in das Gebiet der Afghanen. Alle Gipfel liegen oberhalb der Schneegrenze, deren Spitze als goldgefüllte Paläste der Götter gelten; über die Schneegrenze dieses-Gebirgszuges hinaus vorzudringen, ist den Menschen verwehrt. Nur edle und sittenreine Lamas können dann und wann etwas von dem Leben und Treiben der himmlischen Bewohner wahrnehmen. Die höchste Erhebung ist die Dscho mo gang-kar, weißgletscherige Herrin, den Europäern nur als Mount Everest bekannt. Von allen Seiten sichtbar, steht sie in einsamer Höhe mit blendendweißem, nie geschmolzenem Schnee. Mit ihr erheben sich weitere Berge wie eine Schirmwand vor „Bod yul“, dem Tibeter-Land, der heiligen Hauptstadt Lhassa und dem Po ta la, der Residenz des Dalai-Lama.

Schon früh muß die Entwicklung dieser Stadt zu einem bedeutenden religiösen und politischen Mittelpunkt sowie zum Sitz eines hierarchischen Oberhauptes eingesetzt haben; denn um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts war die Machtstellung der Dalai-Lama bereits so gesichert, daß sie die geistliche und weltliche Macht in Personalunion vereinten. Lamaistische Geistliche schufen seit der Zeit mächtige Klöster mit streitbaren Mönchen und Gefolgsleuten, um über die verbliebenen und ohnmächtig gewordenen tibetischen Fürsten hinweg allmählich den stolzen Herrschaftsbau des Lamaismus zu errichten, der dann die Stämme und Völkerschaften Inner-Asiens trotz aller rassischen Unterschiede zu einem in sich geschlossenen Kulturkreis vereinte. So wurde dem Leben und der Ideologie gewisser asiatischer Gebiete (Mongolei, Zentralchina, Südsibirien, Nepal, Bhutan und anderen) ein unverwischbares geistiges Gepräge gegeben.

Die dogmatische lamaistische Überlieferung besagt, der große tibetische Reformator Guru Tsongkhapa habe im Jahre 1398 zwei Jünger in das Mysterium der Reinkarnationen eingeweiht und ihnen die Erkenntnis vermittelt, daß sie als „fleischgewordene Ausdrücke“ des Buddha Amitabha und des Bodhisattva Avalokitesvara einer steten Wiedergeburt unterworfen seien, bis die Menschheit zur Erlösung gelange. Diese Wiederverkörperungen sind im Abendland als Taschi- und Dalai-Lama bekannt. Für die Tibeter dagegen ist der Dalai-Lama das „große Siegesjuwel“, Dschal ba rin po tsch’e, und den Taschi-Lama – Sven Hedin nannte ihn erstmalig so – verehren sie als Pan tsche’n rin po tsch’e, ,,großes Lehrjuwel“. In diesem Religionsfürsten hat sich ihrer Auffassung nach der „unermeßliches Licht besitzende Buddha Amitabha“ reinkarniert und daher gilt der Pantschen-Lama auch als der heiligste Mann des gesamten lamaistischen Kulturkreises, der sich nur dem Glaubensleben, dessen Verbreitung und Festigung widmet. Daher wird er auch als eine Persönlichkeit von größerem, religiöserem Charakter als der jeweilige Dalai-Lama verehrt, der nur als Wiederverkörperung des Bodhisattva Avalokitesvara und als tibetisches Staatsoberhaupt die ihm gebührende Achtung erfährt; denn ein Bodhisattva ist kein Buddha, sondern nur eine Wesenheit, die nach mahayanistischbuddhistischer Auffassung wohl die Möglichkeit hatte, einmal ein „Erleuchteter“, Buddha, zu werden, darauf aber verzichtete, um eine besondere Erlösungsarbeit für die Menschheit zu erfüllen.

Die sakrale Persönlichkeit dieser Priesterfürsten ist insofern noch als eine Steigerung der katholischen Papstidee anzusehen, als sie nicht nur unfehlbar, nicht nur Statthalter von Gottheiten, sind, sondern auch selbst göttliche Verehrung genießen. Sie gelten als unsterblich, weil ihre Seele nach dem Ableben des Körpers in einem neugeborenen Knaben wiedererscheint, der, an gewissen Zeichen erkannt, zum Pantschen- oder Dalai-Lama erhoben wird. Die Zeremonie zur Auffindung einer Reinkarnation nach dem Tode eines dieser höchsten Hierarchen beginnt stets erst nach 329 Tagen und nicht eher. Wenn nach lamaistischer Auffassung der neunundvierzigtägige Gang durch das Bardo-Reich (Zwischenzustand nach dem Tode und vor dem Herankeimen im Mutterschoße) sowie die neunmonatliche Frist im Mutterleibe vollendet ist, dann erst kann mit der Suche nach der Wiederverkörperung des Buddha Amitabha oder des Bodhisattva Avalokitesvara in einem neugeborenen Knaben begonnen werden.