Der bedeutende Nationalökonom Professor Dr. Dr. Friedrich Edler von Gottl-Ottlilienfeld feierte kürzlich seinen achtzigsten Geburtstag. Ein Anlaß, die Persönlichkeit dieses in der Fachwelt nicht unumstrittenen Gelehrten dem Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen. Der gebürtige Wiener lehrte dann an verschiedenen Hochschulen (unter andern auch an der Hamburger Universität), bis er 1936 emeritiert wurde.

Seine Kritik an der theoretischen Nationalökonomie fordert von dieser ein problembewußtes Denken, das der Wirklichkeit des Wirtschaftslebens engstens verbunden bleiben solle. Die von den Völkern, den Zeiten und Räumen bestimmten verschiedenen Formen des Wirtschaftslebens sollten realer aufgefaßt und als unterschiedliche „Fälle“ verstanden werden. Das theoretische Denken muß die Wandelbarkeit der Formen, in denen sich die Fälle von Wirtschaft individualisieren und voneinander scheiden, zu trennen wissen von dem Unwandelbaren und Ewigen, worin sich alle Fälle als „Wirtschaft“ erweisen.

Diese Kritik hat von Gottl begründet, ausgebaut- und ausgewertet in einer Reihe von Schriften und Büchern, die seine Erkenntnisse nach drei Richtungen zur Geltung bringen: in der Theorie moderner Technik und Industrie, in der eigentlichen Wirtschaftstheorie und in der Grundlagenforschung der Sozialwissenschaften. So ist das Werk „Wirtschaft und Technik“ eine anübertroffene Analyse moderner Technik und Industrie als der großen Helfer der Menschen, als der Lebensmächte, die auf des Menschen Geheiß Segen oder Vernichtung wirken. Das zweibändige Werk „Die ewige Wirtschaft“ behandelt die Wirtschaft als ökonomisch-soziale Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens. Die beiden Bände entwickeln damit eine Grundlehre vom Wirtschaftsleben, von der aus die Theorie in zwei weiteren Stufen vervollständigt werden, soll nach den Richtungen einer Formen- und einer Gestaltungslehre.

Die Fragen: Wie ist sozialwissenschaftliche Erkenntnis möglich?, welche erkenntnismäßigen Bedingungen sind vom Denken her, welche von der Wirklichkeit her gesetzt?, wie vollzieht sich das Erfassen der Wirklichheit und welche begrifflichen Mittel taugen dazu? – diese Fragen zu beantworten, ist das Bemühen einer mehr als fünfzigjährigen Forscherarbeit, deren Früchte in dem zweibändigen Werk „Wirtschaft und Wissenschaft“. und in dem Alterswerk „Die Schicksalswelt“ gesammelt sind.

Mit diesem neuen Denken und Erfassen der Wirklichkeit „von der Sache selbst her“ steht von Gottl durchaus nicht allein auf, dem Plan der Wissenschaften. Er fühlt sich darin der phänomenologischen Philosophie verwandt. Mit Recht hat man gesagt, daß er schon durch seine Jugendschritten fürsein Fach jene phänomenologische Haltung vorweggenommen habe, die heute in so vielen Zweigen der Wissenschaft um Geltung ringt. A. W.