In sehr schmerzhafter Weise ist in diesen Tagen ein Teil des Geheimnisses gelüftet worden, das noch immer das Schicksal des im letzten Jahrzehnt im Ausland erworbenen deutschen Kunstbesitzes umgibt. Durch Befehl des amerikanischen Militärgouverneurs wurde die Rückgabe einer Gruppe von Kunstwerken, die durch die deutsche Regierung in den Jahren 1938 bis 1942 auf dem italienischen Kunstmarkt erworben wurde, an den italienischen Staat verfügt. Dieser Gepflogenheiten steht im Widerspruch zu den Gepflogenheiten des internationalen Rechts, er verstößt gegen Artikel 56 der Haager Konvention, der grundsätzlich die Inbesitznahme von Kunstwerken durch eine Siegernation verbietet. Er verstößt auch gegen die bisher vom Alliierten Kontrollrat gebilligte Handhabung, der in seinen Restitutionsbestimmungen und Dienstanweisungen die Faustregel empfahl, daß alle während der deutschen Besetzung eines Landes, gleich in welcher Weise erworbenen Kunstwerke den Regierungen der betroffenen Länder zurückzugeben sind. Der Befehl des amerikanischen Militärgouverneurs durchbricht diese Regel und schafft einen Präzedenzfall von nicht abzusehenden Folgen. Der Befehl wird begründet mit „unredlichen Machenschaften zwischen den Beauftragten Hitlers und Görings und hohen Beamten der damaligen italienischen Regierung“. Beweise werden nicht erbracht. Gegenüber diesem bloßen Verdacht ist festzustellen, daß alle hier in Rede stehenden Kunstwerke in den Jahren 1938 bis 1942 – als von einer deutschen Besetzung Italiens – also keine Rede sein konnte – rechtmäßig von italienischen Privatsammlern und Händlern erworben und bezahlt wurden, daß für alle die offizielle Exportgenehmigung der italienischen Regierung vorlag und die sehr hohen Ausfuhrsteuern (30 v. H. des Kaufpreises) durch die deutsche Regierung entrichtet wurden. Zuletzt im März 1942 hat der damalige italienische Kultusminister Bottai im ‚Giornale d’Italia‘ die Ausfuhr einer Anzahl dieser Kunstwerke öffentlich bekanntgemacht und dabei auch darauf hingewiesen, daß Werke ähnlicher Bedeutung vor dem Kriege nach Amerika exportiert wurden.

Auch in Kreisen der amerikanischen Militärregierung scheint der Befehl General Clays Widerspruch hervorgerufen zu haben. Der mit der Sache befaßte Kunstschutzoffizier von Bayern ist zurückgetreten, in gutunterrichteten Kreisen verlautet, daß auch das Gutachten der Rechtsabteilung der Militärregierung sich gegen die Rückgabe aussprach.

Die Liste der zurückzugebenden Kunstwerke umfaßt 42. Nummern. Darunter befinden sich hochbedeutende Werke; die besterhaltene Replik des „Diskuswerfen“, einesweltberühmten Meisterwerkes der griechischen Klassik, aus der Sammlung des römischen Fürsten Lancelotti, das frühe Reiterporträt eines Prinzen Doria von Rubens-, die „Leda“ der Sammlung Spiridon aus dem Umkreis Leonardo da Vincis, ein männliches Bildnis von Memling aus der Sammlung Corsini, die Statue, der „Wahrheit“ von Bernini, eine Madonna aus dem Umkreis des Piero della Francesca und andere mehr. Die Masse der Bilder wurde durch die Reichsregierung für das von Hitler geplante Reichsmuseum in Linz auf dem italienischen Kunstmarkt erworben. Die gezahlten Preise waren ungewöhnlich hoch. So wurde gezahlt: füs Leonardos „Leda“ 11 Millionen Lire ( = 2 Millionen Reichsmark), für das Bildnis Memlings 6 Millionen Lire, für den „Diskuswerfer“ 5 Millionen Lire. Die Verrechnung erfolgte über das deutsch-italienische Clearing. Die offizielle Ausfuhrgenehmigung lag in allen Fällen vor, die riesigen Ausfuhrsteuern wurden gezahlt. –

Kaufmännisch und juristisch kann die Gültigkeit der Käufe nicht bestritten werden. Aber auch moralisch ist gegen die Käufe nichts einzuwenden, da ein Teil der Werke jahrelang im Handel angeboten war. So erschien Leonardos „Leda“ bereits 1928 auf einer Auktion in Amsterdam und ging allein aus dem Grunde zurück, weil sich zu dem geforderten Preis kein Käufer fand. Um den „Diskuswerfer“ bemühte sich 1938 das Metropolitan Museum in New York und stand lediglich auf Grund des hohen Preises vom Kauf ab. Sollte aber jede Exportlizenz der damaligen italienisch-faschistischen Regierung ungültig sein, so müßten – wenn schon, denn schon! – auch das Metropolitan Museum, die National Gallery und viele andere Museen der angelsächsischen Welt angehalten werden, ihre Erwerbungen aus dem faschistischen Italien zurückzugeben. –

Zur unbefangenen Urteilsbildung ist es interessant, einmal den Erwerb des „Diskuswerfers“ zu rekonstruieren. Der Ankauf der Statue ging auf eine Initiative des Direktors der Berliner Antikenabteilung zurück, der von den Verkaufsabsichten des Fürsten Lancelotti erfahren hatte. Im April 1938 nahm der Fürst das entsprechende Kaufangebot der Reichsregierung in Höhe von 5 Millionen Lire an. Die Mittel wurden durch den preußischen Staat, die Staatlichen Museen, den Berliner Magistrat und durch eine Sammlung der Berliner Schulen aufgebracht. Das Wirtschaftsministerium stellte die Devisen über das deutsch-italienische Clearing zur Verfügung und das Auswärtige Amt beantragte die Ausfuhrgenehmigung bei der italienischen Regierung. Im Beisein des Direktors der Berliner Antikenabteilung stimmte die italienische Freigabekommission im Palazzo Lancelotti in Rom der Freigabe zu. Für diese Freigabe hatte Deutschland eine Steuer von 1 1/2 Millionen Lire an den italienischen Staat zu entrichten. Der Kauf ging in aller Öffentlichkeit vor sich und lief durch die ganze Weltpresse. So berichtete der Direktor der Berliner Antikenabteilung im Dezember 1938 in den London News eingehend über die Statue und ihren Erwerb. Die gelegentlich aufgetauchte Version, Mussolini habe Hitler die Statue geschenkt, ist völlig irrig. Die Statue wurde in der Münchner Glyptothek mit großem Zeremoniell aufgestellt.

Es ist durchaus verständlich, wenn allen Handlungen des Naziregimes mit äußerstem . Mißtrauen begegnet wird. Dieses Mißtrauen darf aber nicht dazu führen, eindeutig das Recht zu beugen. In unserem Falle gehören die in Rede stehenden Kunstwerke dem deutschen Volk und niemandem sonst. Es ist ebenso verständlich, wenn Italien, da sich nun einmal psychologisch und politisch die Chance bietet, die Gelegenheit ergreift, ehemals veräußerte Kunstwerke wieder in seinen Besitz zu bringen. Es muß aber von deutscher Seite festgestellt werden, daß ein wirkliches Recht zu einer Rückgabe nur einer deutschen Regierung zusteht, und zwar als freiwilliger, freundschaftlicher Akt eines europäischen Volkes gegenüber einem anderen, wobei es zur gleichen Ritterlichkeit dann gehören würde, daß Italien den von Deutschland verauslagten Kaufpreis zurückerstattet. Italien hat keinen Grund an dem aufrichtigen Willen des neuen Deutschland zu zweifeln, geschehenes Unrecht wieder gutzumachen. An einer entsprechenden deutschen Geste hat es nicht gefällt. Als die Frage der Rückgabe des Sterzinger Altars, eines der bedeutendsten Meisterwerke der deutschen Malerei des 15. Jahrhunderts, der durch Mussolini von der Gemeinde Sterling gekauft und Göring geschenkt wurde, akut war, haben namhafte Vertreter der deutschen Kunstgeschichte sich für eine Rückgabe der Tafeln an Italien eingesetzt, ja, es wurde sogar der Vorschlag gemacht, zwei Engelsfiguren aus dem Altarwerk, die einem deutschen Museum gehören, beizusteuern, sofern das ganze Altarwerk wieder in Sterzing in seiner alten Umgebung aufgestellt würde. Darauf eben käme es in einem neuen Europa an: aus Liebe zu den großen Dingen unserer, Geschichte und aus Freundschaft zueinander vernünftige und rechtlich saubere Entschlüsse zu fassen und nicht Freibeuterei mit politischen Chancen zu treiben.

Es ist in diesem ganzen unordentlichen Zustand nicht ganz klar, welche amtliche deutsche Stelle nun einen gültigen Protest anzumelden und zu verfechten hat. Die Treuhandschaft über die im Münchener Sammeldepot der Amerikaner befindlichen Kunstwerke hat neuerdings der bayrische Ministerpräsident. Vermutlich wird er fürs erste das deutsche Interesse zu vertreten haben, so lange, bis eine deutsche Regierung Klage gegen die amerikanische Militärregierung wegen ungerechtfertigen Auslieferns deutschen Kunstbesitzes erheben kann. R. M.