Zu der viele Gemüter aufregenden Frage, ob Deutschland wiederaufgerüstet werden solle, gab es zum vergangenen Wochenende zwei Sensationen. Da war zunächst der Fall Kogon. Dr. Eugen Kogon, der bekannte. Verfasser des vorzüglichen Buches „Der SS-Staat“ und Herausgeber der „Frankfurter Hefte“, hat, so wird berichtet, auf einer Pressekonferenz behauptet, junge Deutsche würden insgeheim von britischer und; amerikanischer Seite militärisch ausgebildet. Es sei diese Tatsache auch in Rom auf der Tagung der Union Européenne des Fédéralistes, zu deren Mitgliedern Dr. Kogon gehört, eines der Hauptthemen gewesen, über die man diskutiert habe, und darum wäre es endlich an der Zeit, in aller Öffentlichkeit hierüber zu sprechen.

Schon vorher war im „Rheinischen Merkur“ eine ähnliche Mitteilung veröffentlicht worden. Offenbar war Dr. Kogon jedoch der Meinung, daß diese Feststellungen zu Unrecht von der deutschen und ausländischen Presse nicht ihrer Bedeutung entsprechend aufgenommen worden seien, und so wiederholte er sie denn vor in- und ausländischen Pressevertretern in Frankfurt. Damit hat er etwas jedenfalls erreicht: einen nicht unerheblichen Skandal in der Presse des In- und Auslandes und eine Fülle von Dementis. So hat der ehemalige deutsche Generalstabschef Halder dagegen protestiert, daß man ihn mit einer AufrüstungDeutschlands in irgendeine Beziehung bringe, wie Dr. Kogon dies angedeutet hat. Es liegen zwei Dementis von britischer und amerikanischer Seite vor. In amtlichen englischen Kreisen, so heißt es da, würden die Ideen von Dr. Kogon als absolut phantastisch bezeichnet, und ein hoher Offizier der US-Militärregierung hat erklärt, es bestände nicht die Absicht, internationale. Abmachungen über die Demilitarisierung Deutschlands zu verletzen.

Zu diesen Behauptungen und Dementis ist einiges zu sagen. Seitdem es wieder deutsche Zeitungen gibt, treffen bei den Redaktionen. wir nehmen an, es geht den anderen genau so wie uns – immer wieder Mitteilungen ein, es würden durch die Militärregierungen deutsche Verbände gebildet und Fabriken veranlaßt, sich bereit zu halten, schwere Waffen, herzustellen. Geht man den Berichten nach, so muß man meistens feststellen, daß sie reine Dichtung Sind, und da, wo sie einen Anschein von Wahrheit haben könnten, gelingt es nie, alle Zweifel; auf schlüssige Weise auszuschalten. Vor allem darf man nicht vergessen, daß die deutsche Polizei immer noch der Aufsicht der Alliierten untersteht und daß manches in der Ausbildung eines Polizisten mit der eines Soldaten übereinstimmt. Wir kennen, das Material nicht, über das Dr. Kogon verfügt, aber nach unseren Erfahrungen möchten wir einige Zweifel anmelden, ob es wirklich so stichhaltig ist, daß es erlaubt wäre, von einer heimlichen Remilitarisierung Deutschlands zu sprechen.

Anders stehen wir zu den Gründen, die, wie Dr. Kogon erklärt, ihn bewogen haben, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Er geht davon aus – und diesen Standpunkt hat er schon in Rom vertreten –, daß alle Bestrebungen für ein Vereintes Europa hauptsächlich, der Angst vor einem russischen Angriff entsprängen, daß also die treibenden Motive für diesen Zusammenschluß in erster Linie militärischer Natur seien. Deutschland, so schließt er hieraus, müsse daher gleichfalls seine Menschen für die Verteidigung Europas bereitstellen, wenn es zu Europa gehören und helfen wolle, es zu schützen. Dies jedoch dürfe niemals heimlich geschehen. Deutsche Söldner dürfe es nicht geben, vielmehr sei offen von Regierung zu Regierung über eine deutscheAufrüstungzu verhandeln Eine deutsche Wehrmacht aber müsse einer parlamentarischen Kontrolle unterworfen sein, einer deutschen oder noch besser, einer europäischen, damit nicht wieder eine Reichswehr entstehen könne, die einen Staat im Staate bildet. Was diese Kontrolle angeht, so stimmen wir Dr. Kogon zu, obgleich wir über eine deutsche Wehrmacht, wie sich zeigen wird, ganz anderer Meinung sind als er. Wir hätten es jenoch begrüßt, wenn er seine These sachlich vorgetragen und nicht mit „Enthüllungen“ begleitet hätte, die – zu Recht oder zu Unrecht – Dementis hervorrufen müssen. Auf diese Weise ist leider in erheblichem Umfange Porzellan zerschlagen worden... Die englische Presse hat sehr ungehaltenreagiert, die Daily Mail hat uns bescheinigtdaß man auf unzuverlässige Bundesgenmeengern verzichte – es scheint uns nicht gut, solche Antworten zu provozieren.

Ganz anders allerdings klang, was man in Frankreich zur gleichen Zeit zu dem gleichen Thema zu sagen hatte, und dies war die zweite Sensation vom vergangenen Wochende. Maurice Duverger, früher Leitartikler der Zeitung Le Temps, heute in der gleichen Eigenschaft bei Le Monde, dem Blatt, das dem Quai d’Orsay nahesteht, hat gleichfalls die Frage der deutschen Rüstung aufgenommen und zur Debatte gestellt. Duverger gehört zu jenen auch heute leider noch seltenen Politikern, denen es gegeben ist, ohne Vorbehalte und Winkelzüge europäisch zu denken. „Wenn man davon spricht“, so heißt es in seinem Artikel, „Westeuropa gegen einen möglichen Angriff von außen zu verteidigen, muß man sich auch darüber klar sein, daß dies heißen würde, die deutsche Armee gleichzeitig mit der französischen wiederaufzubauen, denn es gibt nur zwei militärische Völker auf dem Kontinent: Deutschland und Frankreich.“ Duverger fährt fort, man dürfe die deutsche Industrie nicht verkrüppeln, das Problem sei nicht mehr die Ruhr, sondern Europa. Und weiter deduziert: er kühl und sachlich, da auch ein schwaches Deutschland mit 70 Millionen Einwohnern eine Bedrohung für 40 Millionen Franzosen sei; gebe es nur eine Lösung: eine echte Allianz zwischen einem starken Frankreich und einem starken Deutschland. Gewiß wäre es für die Franzosen nach diesem Kriege sehr bitter, zuzugestehen, Deutschland solle mit dem gleichen Range aufgebaut werden wie Frankreich, doch müsse man dies Gefühl überwinden, denn ohne ein deutsch-französisches Bündnis könne Europa nicht bestehen – Ein Bündnis aber setzt Gleichberechtigung voraus.

Duverger hat die für einen Politiker seltene Eigenschaft, sachliches Urteil mit Hochherzigkeit des Gefühls zu verbinden. Kein Wurder, daß seine Politik konstruktiv ist, kein Wunder auch, daß er die Herzen aller anständigen Deutschen im Fluge gewinnt. Wir möchten eine Allianz mit Frankreich so eng und unauflöslich haben, wie dies nur möglich ist. Es wäre gut, wenn die deutsche und die französische Industrie, die sich in vieler Hinsicht ergänzen können, einer gemeinsamen Planung unterstellt würden, die jeden Gedanken an eine Konkurrenz ausschließt. Es wäre wundervoll, wenn die Universitäten unserer beiden Lander in einen Austausch miteinander träten, der dazu führen würde, daß allmählich auf allen Gebieten der Kultur ein gegenseitiges Kennenlernen und eine gegenseitige Bereicherung sich verbreiten und durchsetzen könnten. Wie bereit wären wir, Seite an Seite mit französischen Soldaten, Europa gegen einen Angriff zu verteidigen. Wenn man, uns zugewandt, die Arme in Freundschaft ausbreitet, wir wollen uns gern hineinstürzen. Und doch – in einem Punkte haben wir einen Einwand, und weil wir auf offene Worte ebenso offen antworten wollen, stellen wir ihn zur Diskussion.

Als das römische Reich aufhörte, anzugreifen, als es im Norden einen Grenzwall, den limes, errichtete und glaubte, sicher zu sein, wenn es ihn verteidige, war es verloren, ging es zugrunde. Als Frankreich die -Maginot-Linie baute und einen Krieg gegen Deutschland nur noch als Verteidigung führen wollte, verlor die französische Armee jenen glanzvollen heroischen Elan, der sie im ersten Weltkrieg ausgezeichnet hatte. Wir glauben – dies ist in keiner Weise eine Ablehnung des französischen Bündnisvorschlages, man möge uns, wir bitten darum, nicht mißverstehen –, wir glauben, daß es nicht richtig ist, der sowjetischen Drohung mit Maßnahmen der Verteidigung zu begegnen: wir müssen angreifen.