Die Kominform-Länder seien in der Behandlung Jugoslawiens schlimmer als die Kapitalisten, erklärte kürzlich Marschall Tito. Deswegen müßte die Belgrader Regierung geeignete Schritte unternehmen.

Die Gerüchte über die Schritte, die Tito angeblich bereits unternommen haben soll oder unternehmen werde, finden seit seiner Exkommunizierung aus dem Kominform kein Ende. Was aber bisher feststeht, ist nur, daß die Länder des Ostblocks mit unverminderter Stärke bereits mehrere Monate eine Propagandaoffensive gegen den Belgrader Machthaber führen. Tito-Straßen und -Vereine in den Nachbarländern werden umbenannt, und die Wirtschaftsblockade wird durch die Satelliten Moskaus immer stärker durchgesetzt. Zweifellos gibt man in Moskau nicht die Hoffnung auf, daß es letzten Endes doch noch möglich sei, Tito zu stürzen.

Die Wirtschaftsblockade, die Moskau befahl, hat keine großen Folgen gezeigt, denn in der Zwischenzeit rollen, wenn auch nicht in genügendem Umfang, Erdöl, Koks und Industriegüter aus dem Westen und ermöglichen die Durchführung des Jugoslawischen Fünfjahresplans. Mit der Hilfe aus dem Westen will Tito offenbar seinen bösen Brüdern beweisen, daß es möglich sei, den „Sozialismus in einem einzigen Lande“ zu verwirklichen. Die Erfüllung des jugoslawischen Fünfjahresplans, sagte er in einer Rede vor Kommunisten, sei die beste Antwort auf die Beschuldigung der Kominform-Länder. Dann werde es sich erweisen, wer recht und wer unrecht gehabt habe.

Daß Tito die westliche Wirtschaftshilfe vor allem deswegen braucht, um die Kominform-Beschuldigungen zu widerlegen und Stalin wieder für sich zu gewinnen, zeigten seine Ausführungen vor dem Kongreß der kroatischen Kommunisten in Agram. Die Bekämpfung der kapitalistischen Überbleibsel, sagte er, werde noch schärfer weitergehen. Wo gütliches Zureden nicht genüge, werde man der Minderheit beibringen müssen, – daß ihr keine andere Wahl bleibe, als sich der Mehrheit zu unterwerfen oder zu verschwinden. Man könnte natürlich annehmen, daß solche und ähnliche Äußerungen für den inneren Gebrauch gemacht worden sind. Doch kann dies bei Tito kaum der Fall sein. Denn wer es wagt, allen seinen Gegnern – und das ist entgegen allen anders lautenden Berichten die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Jugoslawien – mit der Vernichtung zu drohen, wird es sicherlich nicht für nötig halten, einige Feinde aus den eigenen Reihen zu besänftigen.

Bei einem solchen Stand der jugoslawischen Haltung ist natürlich die Politik der Westmächte Tito gegenüber nicht sehr leicht. Wenn sie ihn gewinnen wollen, müssen sie ihm wirtschaftliche Hilfe gewähren, ohne die geringste Garantie dafür zu besitzen, daß dieses Unternehmen gelingen wird. Presse und Rundfunk befinden sich in derselben Lage. Das Ziel, Tito für den Westen zu werben, verfolgen Amerika und England gleichermaßen. Nur die Methoden, je nach Mentalität und Temperament, sind verschieden. Während der Sender des amerikanischen Außenministeriums „Die Stimme Amerikas“ seine freundschaftliche Haltung zu Tito dadurch zu beweisen versucht, daß er neuerdings die demokratische Gesinnung und Haltung der Belgrader Regierung und ihrer Organe nicht mehr anzweifelt, schlägt die englische Presse eine andere Methode ein. So gibt der Economic Marschall Tito den Ratschlag, er solle endlich einsehen, daß Jugoslawien sich vor den bulgarischen Ansprüchen auf Mazedonien, die von den Sowjets unterstützt würden, nur dann schützen könne, wenn er die altbewährte Freundschaft mit Griechenland, das heißt mit den Westmächten, wiederaufnähme.

Mag sein, daß die Bemühungen der Westmächte eines Tages von Erfolg gekrönt werden. Vorläufig ist jedoch Tito noch nicht ihr Verbündeter. Ob er einmal umschwenken wird oder nicht, hängt wie bisher vor allem vom Kreml ab. Man sieht, wie Tito in jeder Äußerung, die er macht, und bei jedem Schritt, den er unternimmt, voller Sentimentalität immer die Tür nach dem Osten offenläßt. Auch heute noch würde die leiseste freundschaftliche Geste Stalins genügen, um den verlorenen Sohn Tito zurückzuholen.

B-w.