Über Don Juan ist viel geschrieben worden. Stunden sind vergangen im Gespräch über ihn. Männer haben ihn beneidet — und werden es immer tan —, Frauen habea sieh nach ihm gesehnt, "Üad denncklu trotz, schönster Worte, trotz genialer Musik WieV Don Juan ein Unzeitig deutet es auf die Hochachtung und die geheime Furcht, ::die der Mensch "vor dem Mets physischen hat. Umgeben wir das Rätsel mit dem goldenen Rahmen der Lebende, verneigen wtr ijflis vor ibnt und erstaunen. Und jede Säge :hat ein Sielen, uro das sie die öpfergaben einer aus dem Tiefsten hevormjelleadeh und von leiser Angst durchsdwttelteri Verwunderung hänge. Una weil die FüHe der Geheimnisse so gröl ist, versuchen wir stets ein Bild, in dem das Geheimnis existent wird zu erfasse JÄ JI diesem Bild, das ir näeh Möglichkeit historisch zu belegen suchen, kommt das Geheimnisvolle uns näher wird menschlicher, verliert von der distanzierenden Kühle. So auch bei Dort Juan. Andalusische Chroniken berichten zuerst die Gesuchte seines Lebens. Sie erzahlen, daß Don Juan im vierzehnten Jahrhundert gelebt, habe tind der Freund Peters des Grausamen von Kastilien gewesen sei. Daß er- in Sevilla geboren und dem HidalgogesdJecjbt der Tenorio entstamme " V , " " hatte ein wunderbares Tenipo, einen Schritt wie Penthesilea. Um ihr energisAes Antlitz tanzten dunkle Locken, und es war eine Lust, ihren Bewegungen zuzuschauen " "Nur daß hr Haar heute silberweiß ist und ihr Gesid; gezeidinet von einem lange Leben. Aber ihre hellen Augen blicken jung und gütig, and auch ihre Hände sind jung geblieben. Ihre Hände, die, kräftig und schmal wie lEnafcenhiinde, Pinsel nd Meißel in gleicher Könnerschaft führen.

Seit nahezu dreißig Jahren lebt Clara Rilke in dem Haus an dr Bredenau. Ihr Blick geht über weite Wiesen tn Wäldersilhouetten am Horizont, geht über die von Enten bevölkert Wümme und ober den hohen wechselnden Himmel.

Am Abend sitzen, wir dann anten in ihrem Atelier um ein offenes Kaminfeuer. An> der Wand glänzen feierliche Ikone, die Rainer Maria Rilke einst aus Rußland für sie mitbrachte. Und sie erzählt in ihrer stillen bescheidenen Art mit emer wohllautenden Stimme, die den Bremer Heimatklang nicht verleugnet. Ihre Jugend ersteht vor uns. Die ersten Kämpfe um ihr Künsdertum. Ihre Lehrjahre in Müacfaen und Worpswede. Sie erzählt, wie sie zur Plastik" kam, angeregt d urch den Maler Mckensen, der sie für "farbenblind" hielt. Sie erzählt von ihrer guten Freundschaft mit Paula Becker und von ihrer ersten gemeinsamen Reise nach Paris. Und dann stehe in dr Erinnerung jener Sommer auf, da Rilke auf Einladung Heinrich Vogelers nach Worpswede kam und bei den Dörflern durch seine Gewohnheit, in Russenkitteln zu gehen, Aufsehe und Verdacht erregte! Di, Erinnerung an das Schloß BiroB in Paris erstellt, w sie, neben Rodin und Rilke ein Atelier biesa. Xgypte, Schwede, die Schweiz i weldfe illaslKn! , Das Haus in der Smteüau lebt von großen Geistern Überall gÄBea feeksatttte Gesichter: Gerhart Hauptmäan, Riearda Hach, Paula Becker. Einer aber- ist iaiBwr wieder unter ihnen in Bildern und Bestens R. M. Rilke selbst. Da ist auch jene Bosse, >die Clara Rilke zehn Jahre ach seinem Tode schuf: ihr göttigstes Wrk — Clara Rilkes Arbeiten sind Ausdruck ihres kraftvollen Wesens, das In einer im Schillerschen Siftne naiven Weitoffenheit Dine and Mensdbett gestalte 1 Aus einer starken stillen Mitte herxaus lebt und schafft sie, entschlösse, in allem das Gute zu gefahren und zu bestärken", wie ihr Rilke zu ihrem Geburtstag n Jahr vor seinem Tode schrieb. Besonders ist es eine Tat, deren die Sage ach benächtigt: Don Juan wollte in einer Nacht die Tochter des Komturs gewaltsam entführen. Bei diesem Unternehmen wurde er gezwungen. de Komtur zu töten und Blutschuld auf sich zu laden. Die Hinterbliebenen, die Doa Juan schaft ziehen konnten, loduen ihn durch eine Lkbesbotsdiaft in ein Kloster, aus dem er nicht mebr zurückkehrteDie Mönche verbreiteten das Gerücht, er habe die Statue des Komturs in 4) Kapelle beleidigen wollen. Die aber habe sidt plötzlich geneigt, um init dem Spötter in die Hölle zu versinken.

Das ist der Rohstoff, von dem jede dichteriwhe und musikalische Deutung lebt. Die Sage halte Dort Juan erfaßt, um ihn so lange nicht zu lassen, bis der Dichter ihn hinüberführt in des Garten seiner Phantasie. Das furchtbare Ende Don Juans prägte sich ia das empfängliche Genüt des Volkes ein, und da- die Kirche ausschließlich und befehlend- war, wurde er um der Gerechtigkeit willen zu einem Injroer größeren Sünder gemacht. Zu einem Dämon. Zu dem Vermcitrr jeglicher Moral.

Don Juan stellt eine Idee dar, die ganz und nui dem Mittelalter angehört. Die Idee des scheinbaren Satanismus, dargestellt and hegriffliiJ gemacht in der Sinnlichkeit. Dkse Idee koante im Abendland nur im Mkrelalter eatstefen, denn sie löst sidi heraus aus der Qual des Christenmenschen. Aus "seiner Sehnsucht nach jen;r Welt, die nicht von dieser ist. Aus seiner Förderung nach Zertrümmerung nd Vernijditung jeglicher Sinnlichkeit. Aber s ist Wer wie so oft: das Gebot gebiert gleichzeitig seine Umgehung. Mit dem Aufdämmern einer Idee zekhnet sich die Gegenidee am Horizont menschlicher Erkenntnis ab. Don Juan stürzt der Sage nach in die Hölle, aber das Interesse an seinem Leten und Sündigen ist erwacht:.

Auch Faust wird im Mittelaher geboren. Historisch mag es ihn vielleicht schon viel früher gegeben haben unter dem Namen irgendeines ntekannten Magisters. Bewußt wjrd die Idee seines Strebens erst im Mitteiaiteri denn aucfe sie, die Idee des Nuf GeJstts, wkd föm Caristeur tun verworfen. So werden Don Jäut und Fäw zu gegenteiligen Abgrenzungen einer Zeit: hie Simlkhkeit — dort Geist. Und weil das Christentum beides zerstören will und muß — die absolute Sinnlichkeit und, dea absoluten Geist —, wachsen beide Ideen groß empor und deuten ihre Zeit. bv n stoße wir früh aaf die Verehrung des, Weibes. Es wird vereJart, weä s gebiert. Jeg- liehe Kultur richtet sich nach ihm aus thm wird all geweiht. Die jährlich wiederkehrenden Feste des Adonis, Dionysos, der Mylitta, Astarte und Aphrodite sind durch Religionen geheiligte Gelegenheiten einer regellosen, unpersönlichen sexuellen Vermischung, Der Meftsdj begbt die wieclererwacheride Zeugungskiaft der %räe afc Geschöpf der Natur in hemmungsloser Brunst. Der GesdRIechtstrieb ist unpersönlich und weiß nicks von einer Verfeinerung durch die Wahl. Eif Individualisierung, wird Ä4f jedjlclet , weil nidit verstaöden. Nicht die GesAfeÄcfiShKeit von Persönlichkeit zu Persönlichkeit ist wes ntlich sondern alles drängt auf eine mögliche vollständige Vereinigung der Gattung ,Mmn" mit der Gattung "Frau". Mit dem Einbruch des Geistes in das Leben, das heißt mit dem Drang zum Begriff, init der Sehnsucht, die Vielfalt der Erscheinungsformen zu vereinfachen, entsteht die Persönlichkeit, die Erscheinung, welche feststellt, daß sie zwiespältig, aber unttilbar ist. Mit diesem Moment beginnt Je?;Hchts ehaotisdie famrfest zu versdkwinden. Die Sexualität wandelt sich ins Individuelle. Männer, denen die Götter das Einmalige des Persönlichen früiier gaben als anderen, zeigen als erste hiaübei zum, Beginn einer individuellen Kultur, die im bendland geformt wk4- Per Geist dieser Haltung wird, yon Plätön in die Seele des einzelnen verlegt. Die Grundlage abendländischen Geistes ist geformt. Das geistig männliche Prinzip siegt. Don Juan taucht zögernd aaf.

Die platonische Liebe ist nicht die Liebe der Troubadours auf nur einen Menschen gerichtet. Sie liebt das Allgemeine, das ,Schöne an sich". Die metaphysische Erotik Platons hält nicht ein in der Liebe zu einem Menschen. Hier liegt auch der Unterschied in der Liebesfähigieit Don, Jaaas und Casanovas. Der will stets erobern. In der Eroberung findeter sein Glück. Casanova will das seilt, was Don: Jyäa nie seiakann: Liebhaber. Die Frau ist für Casanova kein Problem, aber er bemüht sich iäm sie, als sei sie eines. Wenn er eine Frau besessen hat, kennt er vielleiert diese Frau. Don Juan vergißt die Individualität der Frau, die mit ihmtÄ Jrn Beieinander verliert er sie s ebea aus den Augen und wandert weiter die Straße seiner Liebessehnsudit, die; nichts anderes sein will als — Erkenntnis. Weil eine Frau ihm nur stets das geben kann, was eine Frau besitzt, geht er zur nadsten, bei der er am Ziel zu sein hofft, bei der er aber ebensowenig am Ziel sein kann wie bei der vorhergehenden , Für Don Juan ändert sich das Weltbild und die Weitsdbau mit jedem neuen Erlebnis "Frau". Er ist nidit der unersättliche Genießer — er wörie der Lust gern entsagen—, aber er weiß, daß er dann nur einen kleinen Teil "Frau" erlebt, Er liebt nicht eine Frau, sondern das Wesen ;"Frau". Er will sich der Frau nicht hin1geben, aber er spürt die "Tragik des Mannes, daß er sie ur erkben kann, wenn er ein Unwiederbringli&es seiner selbst an sie verlier. Er leidet daran, daß er sidi der Erfüllung sein Wollen stets nur in der Zw eizahl nähern kann. Er weiß, daß er die Frau nur erkennt in der gemeinsamen Verwandlung der Geschlecht Der Genuß dieser Verwandlung aber ist für ihn keiner. Er stirbt für ihn im Augenblick des Genusses.