Von H. v. Oertzen-Rothen

Ein gütiges Geschick hat uns eine Getreideernte beschert, die um 70 v. H. höher eingeschätzt wird als die des Vorjahres. Die Ablieferungen jedoch blieben bisher um ein Viertel hinter den vorjährigen zurück. Dieser offenbare Widerspruch hat zu den schweren Vorwürfen des Generals Robertson geführt, die er gegen Schlange-Schöningen und die Landwirte erhoben hat. Wie aber ist die besorgniserregende Situation entstanden?

Es liegt auf der Hand, daß die Bergung der Hackfruchternte, mit ihren gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelten Erträgen, die Druscharbeiten hinauszögert. Dicke Haare sind schwer zu kämmen. Wie sehr die Bauern sich ihrer Pflicht bewußt sind, aller Schwierigkeiten Herr zu werden, beweist die Tatsache, daß sie am 12. November trotz des Streiks meist auf den Feldern waren: auch ohne von ihren Führern Schlange-Schöningen und Hermes dazu aufgerufen zu sein. Sie fürchteten nicht die Macht der Gewerkschaften.

Mit der naturgegebenen Verzögerung durch die Hackfruchternte allein lassen sich die unzureichenden Getreideablieferungen jedoch nicht erklären. Wir müssen also nach anderen Gründen forschen. Sie werden deutlich in der Erkenntnis, daß das landwirtschaftliche Preisgefüge ein geschlossenes Ganzes ist. Es ist nur in beschränktem Umfange möglich, die Preisrelationen der einzelnen Produkte zu verschieben, ohne daß Störungen eintreten. Die radikale Preisbenachteiligung des Getreides, wie sie im Sommer verfügt wurde, muß zu schlechteren. Ablieferungen führen. Wird der Zentner Futtergetreide (bei der Ablieferung in natura) mit 10,– DM, und der Zentner Brotgetreide mit 12,– DM bezahlt, in Butter oder Schweinefleisch umgewandelt jedoch mit 16,– DM (bei legalen Preisen) verwertet, so wandert er trotz des Fütterungsverbots in den Viehstall. Zudem ist Butter, und Speck leichter transportabel als Getreide – was wichtig ist, für den Fall, daß schwarze Wege beschritten werden, was ja auch vorkommen soll.

Für die Festsetzung der Zwangspreise zeichnen die Militärbefehlshaber verantwortlich. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß Schlange-Schöningen in Verkennung der Sachlage sich in Wort und Schrift für die sogenannte „Veredelungswirtschaft“ eingesetzt hat, und für die heutigen Preisverzerrungen mitverantwortlich ist. Insofern erscheint der Vorwurf des Generals Robertson berechtigt. Eine Reihe von Faktoren haben jedoch die Folgen dieses Fehlers verschärft: Faktoren, die außerhalb des Machtbereichs der Frankfurter Verwaltung liegen.

Bei steigenden Warenpreisen befürchtet der Bauer eine abermalige Inflation, gegen die er sich durch Mästen von Vieh zu schützen sucht. Überwiegend freie gewerbliche und überwiegend feste landwirtschaftliche Preise sind ein. Widerspruch. Diesem Widerspruch, zeigt sich die Staatsautorität nicht mehr gewachsen. Die Dezentralisation der Verwaltung und der Polizei haben die Dinge weiter verwirrt. Und so ist es kein Wunder, daß die Ablieferungen nicht mehr erzwungen werden können. Wenige große Fische kann man mit der Polizeiharpune treffen, für die vielen kleinen – und auf sie kommt es an – reicht das brüchige Netz nicht mehr aus.

Seit 1933. hat das ehrliche und ordnungsliebende deutsche Volk das Mogeln zur Kunst entwickelt. Dadurch wird eine exakte Ernteschätzung besonders erschwert. Sie ist die Grundlage jeder Planwirtschaft. Zwar hat man im laufenden Jahr erstmalig versucht, über Probedrusch vor deutsch-alliierten Kommissionen zu zuverlässigen Erntezählen zu gelangen. Ob sie der Wirklichkeit entsprechen, muß bezweifelt werden. Die französische Zone kommt zu ganz anderen Ergebnissen.