Während in Europa seit der Eroberung derTschechoslowakei durch den Kommunismus der kalte Krieg zu einer Art Stellungskrieg geworden ist, scheint es, daß Asien sich noch im Zustand beweglicher Kriegsführung befindet. Von Burma bis Indonesien und von der Mandschurei bis Malaya, überall ist der Kommunismus auf dem Vormarsch begriffen. Dennoch ist es die Frage, ob die Besonderheit des asiatischen „Kriegsschauplatzes“ allein mit dieser Feststellung zutreffend charakterisiert wird. Das Gleichgewicht Asiens war generationenlang durch drei Faktoren bestimmt, durch die alte Vormachtstellung Chinas, die neue Großmacht Japan und die Pax Britannica, die die Einheit Indiens garantierte. Diese drei Säulen sind in wenigen Jahren zusammengebrochen und haben damit den Fernen Osten einem zunächst unentwirrbaren Chaos preisgegeben.

Als die Japaner auf ihrem unaufhaltsamen Vormarsch nach Westen Südost-Asien eroberten und bis nahe an die Grenzen Indiens vordrangen, versorgten sie die Eingeborenen von Indonesien, Malaya, Siam, Indochina und Burma nicht nur reichlich mit Waffen gegen die europäischen Machthaber, sondern schürten mit viel Erfolg auch das Nationalbewußtsein aller unterdrückten Völker. Daß der triumphale Siegeszug der Japaner den letzten Nimbus, dessen sich die „weißen Beherrscher“ in einigen Gegenden noch erfreuten, vernichtete, ist nur allzu verständlich. Als sich dann aber sehr bald der Unwille der Eingeborenen gegen die neuen. Unterdrücker zu regen begann und sich allenthalben eine nationale Resistance gegen das faschistische Japan bildete, war diese vorwiegend kommunistisch bestimmt und wurde von den Westmächten mit Waffen beliefert. Mit der Kapitulation Japans brachen dann die verschiedenen provisorischen Regierungen zusammen. Es brach vor allem jede Ordnung und aller Autoritätsglaube zusammen und als einzige Autorität blieben die Waffen, die sehr bald in die Hände von kriegerischen Stämmen, Abenteurern und Terroristen gerieten.

Wo und wann immer heute in Asien Unruhen oder Aufstände ausbrechen, ist man nur allzu rasch bereit, darin eine Initiative Moskaus zu sehen und gleichzeitig das Wirken der „fernöstlichen Kominform“, deren Existenz einige in Charbin und andere in Wladiwostock und wieder andere in der Hauptstadt Siams vermuten. Man muß sich aber einmal vergegenwärtigen, daß in Asien hunderte von Millionen verelendeter Menschen leben, deren Ziel, ob sie nun die .Botschaft von Marx und Leninvernommen haben oder nicht, die Abschaffung des Pachtsystems und anderer sozialökonomischer Mißstände ist. Sie kämpfen gegen die Zustände auf den malayischen und indonesischen Plantagen und nicht für die marxistische Ideologie. Alle kommunistischen Bewegungen und Parteien in Ostasien sind offenbar sehr stark nationalistisch, und es ist kaum anzunehmen, daß diese Völker, die sich bemühen, mit einer national-kommunistischen Devise die Herrschaft europäischer Mächte abzuschütteln, bereit sind, in Zukunft ihr Schicksal, von Moskau bestimmen zu lassen. Was natürlich nicht hindert, daß der Kreml seine Stunde zu nutzen weiß. Es ist nur allzu bekannt, daß Ho Chi Minh in Viet Nam, Muso in Indonesien und viele andere Revolutionshelden nationale Funktionäre des russischen Kommunismus sind, die jahrelang in der Moskauer Zentrale systematisch ausgebildet und dann im richtigen. Moment in ihrem Heimatland eingesetzt worden sind. Und es besteht auch kein Zweifel darüber, daß die kommunistische Aktivität in Ostasien schlagartig zugenommen hat, seit im Februar dieses Jahres die von Moskau inspirierte Konferenz in Kalkutta stattfand. Es bleibt aber die Frage, ob diese momentanen Erfolge Moskaus wirklich zu dem Ziel führen, das dem Kreml vorschwebt oder ob nicht vielmehr die Völker Asiens, wenn sie ihre Unabhängigkeit erst einmal erkämpft haben, sich eine eigene national bestimmte Existenzform aufbauen werden.

Als bei. der ersten großen All-Asiatischen Konferenz in Delhi im März 1947 der Vertreter der Sowjetrepublik Aserbeidschan dem Vertreter Indiens, Pandit Nehru, ein Diadem aufsetzte und ihm eine weiße Ehrenrobe umlegte, jubelten ihm die Vertreter von 23 asiatischen Staaten zu – denn damals war Pandit Nehru der Führer des gegen Großbritannien kämpfenden indischenVolkes, Der Vertreter von Aserbeidschan konnte wohl kaum vermuten, daß der revolutionäre Führer des indischen Freiheitskampfes ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung seines Landes als indischer Staatsmann seinen Beitritt zum englischen Commonwealth erklären würde.

Unter diesem Gesichtspunkt ist es außerordentlich interessant, daß in China, und zwar auf beiden Seiten, Stimmen laut werden, die die Einheit des Landes über die Interessen der kämpfenden Parteien stellen. Die kommunistische Propaganda ruft ihre Gefolgschaft dazu auf, die Mittelschicht und „sogar die Kapitalisten“ – zu tolerieren und sie nicht umzubringen, weil das Zusammenwirken aller Klassen für den Aufbau des neuen Staates wichtig sei. Wenn dies vielleicht auch nur eine propagandistische Verlautbarung ist, so wird man das jedenfalls nicht von dem „offenen Brief“ sagen können, den 50 bekannte Professoren der verschiedenen Nankinger Universitäten an Tschiangkaischek gerichtet haben Sie fordern darin einen Waffenstillstand und die Aufnahme politischer Besprechungen – denn alle, auch die Kommunisten, gehörten zu dem großen chinesischen Volk und der geistige Vater beider Parteien sei Sun Yat Sen. jahrelang haben in China Kommunisten und Kuomintang gemeinsam gegen Japan gekämpft, vielleicht wird ihnen eines Tages die Unabhängigkeit eines geeinten China wieder wichtiger sein als der Triumph den gegnerischen Bruder im Bürgerkrieg zu überwältigen.

Marion Gräfin Dönhoff