Von Jan Molitor

Was der Augenschein an den Westgrenzen, die offiziell hermetisch geschlossen, inoffiziell jedoch voller Lücken sind, auch immer lehren mag über den ungesunden Zustand des europäischen Westens, so gibt es doch für all diese Unzulänglichkeiten eine gewisse Entschuldigung: – die Grenzen im Westen, die so nicht bleiben können, sind historisch geworden, was sie waren und sind. Nicht so, als ob alles gut sei, was historisch wurde. Wie oft hat die Historie die Früchte menschlicher Engstirnigkeit, unmenschlicher Gefühlsleere konserviert. Nun aber die Grenzen im Osten Trizoniens! Was historisch wurde, wie es ist, läßt sich immerhin aus der Historie begreifen. Die Grenze der britisch und amerikanisch besetzten Westzonen gegen die Ostzone aber läßt sich nicht aus der Geschichte verstehen. Sie ist unhistorisch, ist unbegreiflich. Verträge der Alliierten haben diese unnatürliche Grenze geschaffen die den Lebensraum eines Volkes durchschneidet. Aufrechterhalten, ja zur Kluft vertieft, wurde die Ostgrenze jedoch dadurch, daß zwei Weltanschauungen, zwei Lebensformen – eine westliche, eine östliche – einander gegenüberstehen; ein weltgefährdender Tatbestand, der vornehmlich auf Kosten der Deutschen gebe. „Zwei Nachbarn in einem fremden Haus, die sich nicht vertragen“, so meinte ein Mann an der Ostgrenze, „richten erst den Hausherrn zugrunde und dann ...“

Da sitzt eine Frau am Strohlager ihres kranken Kindes. Wenn das Kind gesund sein wird, will die Frau mit ihm und seinen beiden Geschwistern über die Grenze zurück in die Ostzone gehen. Einmal wurde diese zweiunddreißigjährige Frau die Treppe hinuntergestoßen, und man sieht noch die Narbe davon. Das geschah in Königsberg wohin sie bei Kriegsende verschlagen worden, war, wo sie bis März 1948 lebte und ihre Kinder, wie sie sagte, dadurch am Leben erhielt, daß sie als Kochfrau für eine russische Soldaten-Einheit arbeitete. („Viele Russen sind kinderlieb und gaben mir Brot mit. ‚Dai miä chläba‘ sagte ich. ,Paschalusta!‘ sagten sie.“) Die Frau schien lebenstüchtig zu sein. „Ich schlage mich schon durch“, meinte sie. Mit einem der „Sammeltransporte“, die jeweils zweitausend Menschen umfaßten, war sie zugleich mit den letzten Deutsehen, die Königsberg verlassen mußten, aus der Stadt weggeschafft worden, westwärts. Immerhin war es ihr bereits im Juli gelungen, aus dem „Sammellager“ in der Mark Brandenburg herauszukommen. In einem Dorf nahe Magdeburg besaß sie schon eine eigene Wohnung. Diese gab – sie auf, als sie durch Zufall erfuhr, ihr Mann, den sie für tot gehalten hatte, arbeite als Monteur in Recklinghausen; sie schrieb an die Fabrik, die ihr genannt worden war; keine Antwort. Da nahm sie die drei Kinder, ging „schwarz“ über die Grenze und fand tatsächlich Adresse und Wohnung ihres Mannes in Recklinghausen. „Er wohnte in einem Behelfsheim“, sagte sie, „und ich klopfte an die Tür. Eine Frau machte auf, die neue Frau meines Mannes. Sie hatten auch schon ein Kind ...“ Die Frau aus Königsberg hörte es, reiste zur Grenze zurück, klaglos. „Anzeige wegen Bigamie“ und „Klage auf Alimentation“ hatte man ihr geraten. Sie schüttelte den Kopf. Sie sprach immer wieder von der Wohnung, die sie „für nichts und wieder nichts“ aufgegeben hatte. Sie sprach lange und umständlich von ihsen Plänen, wie sie drüben, in der Ostzone, wo das leichter geschafft werden könne, als im überfüllten Westen, sich eine neue Wohnung erobern wollte. „Mein Mann ist nicht schuld“, sagte sie ruhig. – Wer trägt die Schuld? Wer anders als die Grenze!

* Diese Grenze, Brandmal der deutschen Tragödie, beginnt in Lübeck. Sechs Kilometer von der Stadtgrenze entfernt – nämlich im Orte Herrenburg – befindet sich einer, der beiden offiziellen Grenzübergänge der britischen Zone zur Ostzone; und zwar ist es die Landstraße nach Schwerin, die eine schmale Lücke – so breit wie ein Schlagbaum reicht – offen läßt. Um die Mittagsstunde ruht der Schlagbaum: die deutschen Grenzpolizisten hüben, die russischen Grenzsoldaten drüben, haben sich auf eine Pause geeinigt. Mag es wohl sein, daß die Arbeit ihnen über den Kopf wächst?

Kurz vor drei Uhr nachmittags. Vorm britischen Schlagbaum stehen zwei Lastwagen und ein Personenauto. Vor dem russischen Schlagbaum, wenige hundert Meter entfernt, steht nur eine alte Frau, der die Erlaubnis gegeben wurde, sich über die Grenze hinweg; mit ihrem Sohne – einem grauhaarigen Mann im Jägerhut – zu unterhalten. Dieser, ein früherer Offizier, der zur Westseite floh, sagte später: „Die Russen sind kinderlieb; vor allem aber ist Babuschka ihnen heilig, Großmütterchen, Ich gehe zum Schlagbaum und reiche meiner alten Mutter ein halbes Pfund Butter hinüber; der russische Soldat drückt beide Augen zu; er ehrt in meiner Mutter die geheime Regentin der russischen Dörfer: Babuschka ...“

Der Lastwagen vor dem britischen Schlagbaum fuhr leer nach Schwerin, Stroh zu holen. Dies geschieht „in Abwicklung der zwischenzonalen Geschäfte“, wie ein Beamter vorm Grenzhäuschen sich ausdrückte. Das Wirtschaftsamt der Stadt Lübeck nämlich hatte vor der Geldreform eine Art von modernem Tauschhandel zwischen der Hansestadt und dem Lande Mecklenburg eingeleitet, Kochtöpfe gegen Holz oder Pferde gegen Stroh. Aber es sieht nicht so aus, als ob diese Geschäfte in Schwung kommen sollten, ganz im Gegenteil „Diese Idioten in Frankfurt“, schimpft der Besitzer des Privatautos, eines gut erhaltenen Wagens älterer Bauart, „sie tun gar nichts, die Wirtschaftsbeziehungen mit der Ostzone in Gang zu bringen. Und erst die Engländer! Die haben schließlich sogar die Ausfuhr von Pferden verboten, obwohl es viel zu viele davon in den Westzonen gibt!“ Der Privatwagen-Mann ist mecklenburgischer Holzhändler, und seine Worte werden von den Umstehenden mit verhaltener Skepsis aufgenommen. „Eure Geschäftsleute“, sagt er wichtig, „sollten lieber einmal ihre Schulden an unsere Geschäftsleute bezahlen: D-Mark gegen Ostmark, eins zu eins, ganz wie es sich gehört. Die britische Zone schuldet der Ostzone mehr als drei Millionen.“ Er ist sehr gut angezogen, sein Auto ist zwar altmodisch, aber stattlich, und der Fond des Wagens ist voller nett gepackter-Paketchen. Kurz, der Mann – der aussieht, als verstünde er sich gut mit den Russen – ist geeignet, Mißtrauen zu erregen. Seht nur, wie er jovial dem sowjetischen Offizier zuwinkt, der eben – zwei Minuten vor drei – vor das russische Grenzhaus tritt! Übrigens, der zweite Lastwagen – er stammt aus der Ostzone und fährt dorthin zurück – hat Autoreifen geladen, gebrauchte Reifen, die in Lübeck vulkanisiert worden sind. Fragt man den Lastwagenfahrer nach dem und jenem, was man an Neuigkeiten aus der Ostzone hört, so zuckt er die Schultern. Er will sich nicht „die Schnauze verbrennen“. Er ist die Vorsicht selbst. Ach, wie doch diese Grenze nicht nur lokaler, sondern psychischer Natur ist. Eine Grenze des Mißtrauens quer durch Deutschland!

Frage an die Beamten: „Wie viele Menschen passieren in beiden Richtungen täglich mit Interzonenpässen?“