Von Marion Gräfin Dönhoff

Jetzt weiß ich, daß man sehr zu Recht immer (in „etwas schlechtes Gewissen hat, wenn man durch die hellerleuchteten Städte Westdeutschlands geht – aus dem warmen Büro in ein warmes Zimmer – und sich derweil vorsteht, daß die Berliner noch immer – wie wir vor zwei Jahren – in Mänteln und mit verklammten Fingern an ihren Arbeitsplätzen sitzen und zu Hause bestenfalls eine Kerze vorfinden oder eine petroleumgefüllte Konservenbüchse mit blakendem Docht. Wie lange scheint für uns diese Zeit zurückzuliegen! Sie ist mit all der Verzagtheit und der allmählichen Zermürbung für viele kaum not vorstellbar, auch wenn es bei; uns genug wie Sorgen gibt.

Und dann kommt man nach. Berlin, und dann ist alles wieder da, so als wäre die Zeit hier stehengeblieben. Und sie kriechen auf einen zu, diese Erinnerungen, die man endlich einmal auslöschen möchte. Das gleiche Hasten durch de dunklen Straßen, um eines der wenigen Verkehrsmittel zu bekonmen; das gleiche beklonmene Gefühl, ertappt an werden, wenn man durch den Ostsektor wandelt, so wie in jenen Tagen, wenn man die BBC atgestellt hätte und draußen fremde Schritte hört“; die gleiche Finsternis, die gleiche Kälte, die gleiche ungewisse Zukunft. Mein Gott, wie lange geht da nun schon so! „Ich hab’ Berlin so richtig normal gar nicht mehr gekannt, sagt ein junger Bursche neben mir, mit dem ich die Chancen abwäge, ob es möglich sein wird, mit unserem ständig aussetzenden S-Bahnzug Nikolassee noch vor Mitternacht zu erreichen. „Als der Krieg ausbrach, war ich sieben Jahre alt“, sagt er, „jetzt bin ich 17, – na, bis zum nächstes werde ich’s also gerade geschafft haben.“ Übrigens war am folgenden Tag in der Zeitung zu lesen, daß wir uns sehr mit Unrecht über die alten, nicht mehr) funktionierenden Wagen beschwert hatten, denn dort stand, daß der Führer jenes Zuges, nur weil er nicht – mit normalem Tempo fahren konnte, rechtzeitig einen T-Träger bemerkt hatte, der quer über die Schienen gelegt worden war. „Wenn Se den Anschluß in Nikolassee nicht mehr kriejen, können Se bei mir mitkommen“, hatte mich eine Frau getröstet, „mein Oller ist nämlich heut auf Reisen.“ Das ist Berlin! Wirklich, das gibt es nur in Berlin, diese nüchterne Hilfsbereitschaft, die so bar ist allen Aufhebens und aller Vorbehalte.

Dieses selbstverständliche Zusammenstehen ist heute natürlich stärker, als es jemals war, dem das Leben in West-Berlin gleicht dem Zustand einer belagerten Festung. Und wenn man auf der Luftbrücke einfliegt in diese Enklave, so wie die Soldaten vielleicht während des Krieges zu den eingeschlossenen Gruppen in Demjansk oder am Wolchow gelangt sein mögen, dann wird diese Situation besonders deutlich. Deutlich wird sie auch in der politischen Sphäre: in der Einmütigkeit der deutschen Bevölkerung untereinander, die keinen Parteienzwist mehr kennt, sondern nur den gemeinsamen Kampf gegen den lauernden Terror des Kommunismus. Wie in einem antiken Stadtstaat gibt es ein gültiges Gemeinschaftsgefühl, und jeder Bürger kennt seine gewählten Vertreter: Frau Louise Schröder und die Männer: Suhr, Friedensburg, Reuter, Neumann, Kaiser und Schwennicke, die mit eindrucksvoller Unbeirrbarkeit klar, ruhig und ohne sich mit Nebensächlichkeiten aufzuhalten im Stadtparlament die Maßnahmen beschließen, die ergriffen werden müssen. Deutlich wird die Berliner Situation auch in der Einmütigkeit der Deutschen mit den westlichen Besatzungsmächten. „Ich habe viele gute Freunde unter den Engländern“, sagte mir ein junger Fahrer, der vor dem Lancasterhouse mit seinem Volkswagen wartete, „ein paar sind mir eigentlich ebenso lieb wie früher meine Kameraden. Natürlich hat man ganz hinten manchmal so ein kleines Gefühl: wenn sie nur nicht eines Tages doch abhauen, aber das ist nur so, wie man manchmal fürchtet, der Blitz könnte doch einschlagen, auch wenn ein Blitzableiter auf dem Haus ist.“ Wenn man den Chef jener Behörde, die im Lancasterhouse ihren Sitz hat, den englischen Botschafter Mr. Steel, politischen Berater General Robertsons, spricht, versteht man angesichts seiner: überlegenen Ruhe und kühlen Dezidiertheit das Vertrauen, das die Mehrzahl der Bevölkerung empfindet. Dort, in Berlin ist endlich einmal Realität geworden, wovon im Westen nur geredet wird: das Gefühl der Zusammengehörigkeit in gemeinsamer Verantwortung für Europa, und zwar einfach deshalb, weil man in der gleichen Front steht und jeder dort nur abhalten kann, solange auch der andere nicht nachgibt. Und das ist von beiden Teilen viel gefordert.

Denn Berlin ist ja keine geschlossene Einheit, keine fest umgrenzte Festung mit schützenden Mauern, sondern eine aufgespaltene Stadt mit einer offenen Flanke. Wenn man an der Nahtstelle stellt, an der die beiden Hälften zusammenstoßen, dann sieht man neben dem dunklen Westen den hellerleuchteten Ostsektor, in dem die Bevölkerung pro Haushalt zwölf Zentner Kohle zugeteilt bekommen hat, und wo es Kartoffeln gibt – Kartoffeln, die Sehnsucht aller Bewohner, der westlichen Sektoren. Es würde genügen, sich dort eintragen? zu lassen, oder sein Domizil einfach ein paar hundert Meter weiter auf die andere Seite des Brandenburger Tores zu verlagern, um all dieser unentbehrlichen materiellen Lebensvoraussetzungen teilhaftig zu werden. Aber für die Berliner gibt keinen Kompromiß. Sie sagen es immer wieder, ohne Pathos, aber mit verbissener Leidenschaft: es gibt keinen Kompromiß.

Gewiß, während der letzten Monate ist es immer schwieriger geworden. „Wir wissen nicht, wie wir den Winter überstehen sollen und wie es sein wird, wenn es erst einmal richtig kalt wird. Und was danach kommt, weiß man erst recht nicht, aber mit den Russen paktieren wir nicht“ – das sagen sie alle „Sehen Sie“, meint Professor Reuter, der gewählte Oberbürgermeister, „wer hätte am Anfang geglaubt, daß die Luftbrücke wirklich funktionieren könnte. Damals kamen täglich 700 Tonnen herein, heute werden an guten Tagen 5000 Tonnen eingeflogen, und warum sollte man diese. Menge nicht allmählich verdoppeln können, jetzt, da der Flugplatz Tegel ausgebaut worden ist und die zweite Rollbahn in Gatow nahezu fertig ist.“ Wahrscheinlich hat er: recht, denn die Amerikaner sehen diese Material- und Eignungsprüfung für ihre Luftwaffe offenbar gar nicht ungern. Vielleicht denken sie überdies, daß die Luftbrücke nicht nur der-Überwindung einer geographischen Strecke dient, sondern auch in zeitlicher Hinsicht eine Brücke schlägt von der heutigen Ausweglosigkeit zu einer Zukunft, die es gestattet, eine deutlichere Sprache mit den Russen zu reden. Wobei man sich darüber klar sein muß, daß eben aus der gleichen Erkenntnis der russische Druck auf die Berliner Westbevölkerung, wahrscheinlich während der nächsten Wochen am stärksten sein wird, weil die Sowjets damit rechnen, daß heute angesichts der fast unvorstellbaren Belastung eines licht- und kohlelosen Winters, der ja kaum erst begonnen hat, die Druckempfindlichkeit der Bevölkerung größer sein werde als im Frühjahr oder irgendwann später.

Und in der Tat fragt man sich^-wie diese Zeit durchgestanden werden, soll, wenn man die grauen Gestalten sieht, die in der Dämmerung ihre kleinen, quietschenden Handwagen durch die menschenleeren endlosen Straßen Berlins ziehen, um die geringe Beute an schwarz gekauften Kartoffeln oder mühsam zusammengelesenem Reisig nach Haue zu fahren. Oder wenn man den Kindern, zuschaut, die mit Messern und Stemmeisen an den Baumstümpfen herumschnippeln in den Alleen von Dahlem und Grunewald, in denen zur Zeit jeder zweite Baum gefällt wird. Mühsam schleppen: sich die Tage hin, die Tage, die ohne wärmenden Frühstückskaffee bei Kerzenlicht beginnen und in endlos erscheinenden dunklen Abendstunden enden. Die Industrie produziert nurmehr mit etwa 40 v. H. Einstweilen sind bei Siemens noch 20 000 Arbeiter beschäftigt, aber wie viele andere keine Arbeit mehr haben, das kann man auf den Bahnhöfen und in dem Bezirk Zoo, Kurfürstendamm, Schlüterstraße sehen, wo alle paar Schritte eine andere Stimme flüstert: „Weiße Schrippen? Amis? Französische Schokolade?“ – Alles nur gegen WM, versteht sich; und wer kann schon 14 WM für einen Zentner Kohle oder 30 WM für einen Zentner Kartoffeln ausgeben, wenn nur 25 v. H. der Löhne und Gehälter in Westwährung ausgezahlt werden? Noch gehen etwa 20 v. H. der industriellen Erzeugnisse im Austausch gegen Rohstoffe in die Ostzone und noch kommt überdies ein nicht unwesentlicher Teil schwarzer Ware über die Sektorengrenze. Aber wie wird das werden, wenn Berlin nun endgültig verwaltungsmäßig in zwei Teile zerfällt? Wenn die Russen vielleicht die Hauptverkehrsader, die S-Bahn, abschneiden und der Eiserne Vorhang mitten durch die Stadt geht? Die Berliner kennen diese Fragestellung genau. Sie haben sich dennoch bei der Wahl am vergangenen Sonntag eindeutig für die Freiheit entschieden – für eine Freiheit ohne Sicherheit – und haben damit nicht nur Deutschland, sondern der Welt ein Beispiel gesetzt.