Die sogenannte Umerziehung hat zu einigermaßen verkrampften Ergebnissen geführt. Wer heute bei uns von Friedrich „dem Großen“ spricht, tut dies in der Regel in einer gewissen Proteststimmung. Er meint nämlich: „Nun erst recht!“ Wer dagegen „Friedrich II.“ sagt, protestiert gleichfalls. Er meint nämlich: „Mir soll nur ja keiner zumuten ...“ In anderen Ländern, in denen die Historie dies eigenen Volkes etwas Weniger zur Konjunkturforschung geworden ist als bei uns, hätte man einen nun einmal historisch gewordenen Beinamen „der Große“ ruhig und selbstverständlich beibehalten. Er besagt in diesem Falle keineswegs; die deutsche Geschichte sei eine Einbahnstraße zu den Hohenzollern und zu Hitler. Nach dem neuesten, offiziell zugelassenen und britisch empfohlenen Lehrbuch für unsere höheren Schulen ist dir Weltgeschichte eine Einbahnstraße zur Demokratie. In Wirklichkeit sind alle Vergangenheitsdeutungen, die von Gegenwartswünschen und Gegenwartswertungen bestimmt werden, vom Übel. Man sollte wenigstens historischen Figuren zubilligen, was heute so manchem Angeklagten verweigert wird, daß nämlich Strafgesetze und entsprechende Urteile nicht mit rückwirkender Kraft zur Anwendung kommen dürfen. Von Friedrich dem Großen läßt sich schwer nachträglich erwarten, er müßte die Charter der UNO gekannt und nach ihr gehandelt haben.

Noch schlimmer aber wird es, wenn man sich eine einmal konstruierte historische Einbahnstraße immer weiter in die Zukunft verlängert denkt und hiernach nicht etwa theoretische Phantasien, sondern eine praktische Politik gestaltet. Eine solche Politik muß verhängnisvoll sein, denn sie geht von irrigen Voraussetzungen aus und führt daher zu falschen Ergebnissen. Die Deutschlandpolitik der Sieger seit 1945 ist hierfür ein klassisches Beispiel. Aus der Schockwirkung des Hitler-Krieges und der alliierten Kriegspropaganda wurde das, Dogma von der „deutschen Gefahr“, die gleichsam zu einer historischen Konstante erklärt worden ist. Es gab sie immer schon, folglich gibt es sie heute noch und folglich wird es sie in allZukunft geben, so spricht dieses Dogma. Die Wirklichkeit mag ausgehen wie sie will: das Dogma bleibt. Und daraus wird dann eine Politik des Als-ob, eine unwirkliche Wirklichkeit.

Walter Lippman ist der bekannteste Publizist Amerikas, im allgemeinen ein sehr gut informierter Mann. Aber wie äußert er sich für den Fall, daß Westdeutschland bewaffnet würde?

Man höre: Sobald Westdeutschland kein Satellitenstaat mehr ist, sondern eine eigene Rolle in Europa spielt, werden sich die Westdeutschen, ohne General Clay und Robertson zu konsultieren, an Friedrich den Großen, Bismarck, Rathenau und selbst Ribbentrop erinnern, und dann; werden sie keinesfalls fügsame Helfer der westlichen Welt sein. Nun, manche törichte Zusammenstellungen sind uns leider nicht neu. Aber wahrhaftig Rathenau und Ribbentrop in einem Atem! Rathenau konnte sich Bekanntlich nichts Schlimmeres vorstellen, als daß Wilhelm II. „auf einem weißen Zelter“ siegreich durch das Brandenburger Tor einziehen könnte. Die deutschen Nationalisten haben ihm das nie verziehen und ihn schließlich ermordet. Tut nichts: für Lippman hat unsere Geschichte serienweise die gleiche Sorte verderblicher Männer hervorgebracht. Überschrift: Deutsche Gefahr. Der Rest ist Schweigen.

Nach Lippman also kann Deutschland nur entweder ein „Satellitenstaat und fügsamer Helfer des Westens“ oder aber eine gefährliche Großmacht sein. Eine dritte Möglichkeit wird gar nicht, erwogen. Man fragt uns auch nicht, was wir etwa vorhaben, ob wir überhaupt Waffen begehren. Man hat sich daran gewohnt, daß wir seit der Kapitulation nur noch im Passiv vorkommen. Deutschland wird demokratisiert, abgerüstet, denazifiziert. Vielleicht wird es auch einmal wieder aufgerüstet. Das ist die Pplitik des Objekts. Im gleichen Sinne schrieb kürzlich die „Dafly Mail“: „Europa wird sich nur sicher fühlen,, wenn den deutschen Soldaten der Zugang zu den Waffen verwehrt ist. Es ist ein großes Risiko, einen möglichen Alliierten zurückzuweisen, aber ein noch größeres, einen Alliierten wieder zu bewaffnen, der sich als Feind herausstellen könnte. Von den zwei Übeln ziehen wir das geringere vor.“ Abermals: Deutsche Gefahr. Falls derartige Deutungen nur im Zusammenhang mit der Frage einer deutschen Aufrüstung auftauchen, so müßte uns das gar nicht sonderlich interessieren. Aber die Dinge liegen so, daß im extremen Fall am deutlichsten sichtbar wird, was auch in anderen Fällen wirksam ist. Was soll man dazu sagen, daß überhaupt der Gedanke aufkommen konnte die leeren Italien der Torpedo-Versuchsanstalt von Eckernförde zu sprengen Sicherheit? Potsdamer Beschlüsse? Entmilitarisierung? Das sind völlig schattenhafte Argumente. Werkhallen in deutscher Hand könnten doch überhaupt erst dann gefährlich, werden, wenn Deutschland nach einem Abzug der Besatzungstruppen gegen Europa aufrüsten sollte. Ein besetztes Deutschland kann man mühelos kontrollieren. Muß irgendein Wert des Friedenspotentials vernichtet werden, solange man ihn kontrollieren kann? Wird man Deutschland räumen, solange es gefährlich erscheint? Und hätte man nicht auf jeden Fall noch die Zeit und die Macht, im Augenblick der Räumung alles zu sprengen, was dann noch bedenklich erscheinen könnte? Wir glauben ungern an die totale Sinnlosigkeit. Die Besatzungsmächte sollten endlich begreifen, daß ihrem Prestige sehr viel mehr mit einer vernünftigen Inkonsequenz gedient wäre als mit einer unvernünftigen Konsequenz. Muß denn vieles einfach abrollen, nur weil es unter längst überholten Voraussetzungen so beschlossen wurde? Ist wirklich, die Macht der Verordnungen, die schon vergilben, der Listen, in die nun einmal etwas eingetragen ist, stärker; als das lebendige Urteil des gesunden Menschenverstandes? Beispiele: Demontagen, Industrieplan, verbotene Industrien, Entnazifizierung, Kriegsverbrecherprozesse.

Kein Wunder, daß wir mißtrauisch geworden sind. Die Formel von der ewigen deutschen Gefahr scheint sich selbständig gemacht in haben. Dergleichen kann allmählich zu einer billigen Münze werden, die überall in Zahlung gegeben wird. Wer nicht an die totale Sinnlosigkeit glauben will, ist versucht zu vermuten, daß ganz anderes im Spiel sein könnte: etwa der Konkurrenzneid, die Rachsucht, die Freuds an der Macht. Und kann man nicht auch „deutsche Gefahr“ sagen und „russische Gefahr“ meinen? Es liegt sehr viel daran, den Deutschen Sicherheit darüber zu geben, ob das Land zwisden Rhein und Elbe als Aufbaugebiet oder aber als verbrannte Erde in Aussicht genommen ist. Wir haben allen guten Willen, an den Aufbau zu glauben. Man sollte das nicht leichter Herzens aufs Spiel setzen, nicht einmal in einem einzelnen Falle. Kein einzelner Fall ist in sich so wichtig wie dieser gute Wille.

Endlos sind die Auseinandersetzungen um die Ruhr, immer ohne uns, immer über uns hinweg. Die Debatte in der französischen Nationalversammlung ließ deutlich erkennen, daß Frankreich zäh an seinem Wunsch nach einer Internationalisierung des Ruhrgebietes festhilt. Deutsches Eigentum unter alliierter Kontrolle erscheint bereits bedenklich. Eine Sozialisierung, also deutsches Eigentum in einer Hand, erscheint erst recht bedenklich. Alles, was bei uns nicht zerstückelt wird, ist ja eine Bedrohung der französischen Sicherhat. Motto: Was man nicht föderalisieren kann, das sieht man als internationales Besitztum an. Begründung: Deutsche Gefahr. The New Statesman and Nation beklagt lebhaft, daß England bei seinen Sozialisierungsplänen für die Ruhr weder auf amerikanische noch auf französische Unterstützung rechnen könne. Nun bleibe nichts anderes übrig, als die deutsche SPD kräftig von England her zu unterstützen. Die britische Regierung könne zwar kaum in den kommenden deutschen Wahlkampf eingreifen, wohl aber die Labour Party. In Bonn haben wir bereits zu hören bekommen, wie ein vorschriftsmäßiger Föderalismus aussieht. Soll in den Wahlen zum deutschen Parlament England für die SPD kämpfen, während Frankreich aus spiritistischen, Amerika aus kapitalistischen Gründen auf Seiten der CDU fechten? Will man nicht einmal eine Wahlhandlung den Deutschen überlassen? Die Demokratie könnte bei uns wahrhaftig in den Verdacht kommen, eine besonders raffinierte Form der Fremdherrschaft zu sein.