Der schlesische Dichter Horst Lange läßt bei Piper & Co., München, ein Bändchen -Erzählungen erscheinen, aus denen eine reife Persönlichkeit und gepflegtes Formgefühl spricht. Daß ein Dichter „etwas zu sagen“ hat, ist leider heute durchaus keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Technik einer sozusagen „anständigen“ Novellistik und selbst die Requisiten eines bestechenden Stils sind so sehr zur, erlernbaren Wissenschaft geworden, daß es heute „gute Autoren“ gibt, bei denen indessen die Frage nach der-Substanz der Aussage Verlegenheit erweckt. (Daß es umgekehrt Schriftsteller gibt – und? nicht wenige – die über diese Substanz verfügen, aber das Handwerk gering schätzen, ist bedauerlich genug.) hörst Lange ist ein „guter Autor“ und hat etwas zu sagen. Es ist dies freilich nicht immer gleich gewichtig und meist sehr intimer, manchmal kaum greifbarer Art. Es will mit innerer Bereitschaft „erlösen“ sein.

„Am kimmerischen Strand benennt sich das vorliegende Bändchen nach dem Titel der ersten Erzählung. An diesem Strand in homerischer Landschaft, allwo „das Land und die Stadt der kimmerischen Männer,“ liegt, von denen es heißt, „diese tappen beständig in Nacht und Nebel“, wandelt der Dichter eigentlich beständig. Schon die Überschriften sagen es: Gespräche mit dem Herrn in Grau; Seltsames Nachspiels Wo sind wir denn zu Hause?; Ohne Anfang und Ende; Aus gleichem Stoff wie Träume. Es ist der Strand, an dem das feste Land des Bewußten und die Flut des Unbewußten sich berühren. Ein wenig zur Manier gewöhnt sich in Langes Erzählungsart hier die Neigung, den epischen Bericht in die dramatische Dialogform aufzulösen, so daß eine Zwitterform entsteht, die an den Stellen des Wechsels unter. Umständen den Kontakt des Lesen mit der Stimmungssphäre unterbrechen könnte.

Alle Vorzüge der Kunst Langes vereinigen sich in dem Romanfragment „Das Lied des Pirols“, das im Verlag Kurt Desch erschien (mit Federzeichnungen von Alfred Lichter). Das ist die überaus feine und tiefe Klarstellung eines, ungleichen jugendlichen Brüderpaares, das inmitten der Verworrenheit alle Bande lösenden Kriegsschicksals in eine ungewisse Zukunft aufbricht. Die „Möglichkeit des Glücks“ war die Frage des geplanten Romans, dessen erster Teil sich zur Geschlossenheit einer selbständigen Dich-, tung rundet, indem an seinem Abschluß so viel als gewiß gelten darf, daß für den MenschenGlück nur im Geistigen, in der Kunst (hier: der Musik) zu finden ist. 4–th.