Von Hans E. Hölscher

Kürzlich sah ich auf der Straße einen sehr würdigen und ehrenfesten Engländer in Uniform, der unvermittelt in eine schreiende Rotte von Kindern hineinsprang, einem kleinen jungen seinen hübsch hineinsprang, Holzsäbel entriß, diesen über dem Knie entzweibrach und, die Stücke auf die Straße werfend, den streitenden Parteien höchst kategorisch zurief: „Ihr sollt nicht Krieg spielch!“ – Abgesehen davon, daß ich mir diesen Mann gern als Giganten vorstellen würde, der, unter die großen Vier tretend, ihnen mit den gleichen Worten das Atomspielzeug aus den Händen schlage, halte ich von der Demonstration gegen den Holzsäbel nicht viel. Das wütende Gesicht des so jäh entwaffneten kleinen Straßenkriegers sah mir nämlich nicht danach aus, als ob er spontan zum Pazifisten geworden wäre, vielmehr schien mir hinter seiner Stirn eine Gedankenreihe abzulaufen, die darauf hinzielte, – eine große Tüte voller Hufnägel vor dem nächsten Jeep liebevoll auf die Straße in streuen. Und dies möglichst noch im Angesicht des redlichen Puritaners, der im Augenblick ganz vergessen zu haben schien, daß sein Urahn wahrscheinlich im Gefolge des Pulvertrockenhalters Cromwell unter dem Absingen frommer Psalmen mit einem Schwert, das nicht aus Holz war, zum Ruhme Gottes ketzerische Iren geköpft hatte. Jetzt aber ging er davon mit dem bescheidenglückhaften Stolz eines Mannes, der soeben den dritten Weltkrieg an der Wurzel erstickt hatte, während der Entwaffnete in kindlichen, jedochharten Worten dem Gefühl Ausdruck gab, soeben einem Straßenräuber in die Hände gefallen zu sein, der nur so zum Spaß anderer Leute Eigentum und Vergnügen zerstört. Ergo: so geht es nicht mit der re-education.

Aber es geht auch nicht so mit den Geschichtsbüchern. Kürzlich brachte meine Tochter solch ein neues Märchenbuch mit nach Haus, aus dem sie jetzt in der Schule Geschichte lernen sollen. Und das war so recht ein Produkt der Holzsäbelvernichtungsprofessoren, ganz steril unter – Ausschluß der Wahrheit und Wirklichkeit aus der Retorte der Pädagogik geholt und garantiert frei von jedem Kampfbazillus. Man sah darin ordentlich die ersten Barbaren, müde der Barbarei, aus den Wäldern hervortreten, sich die Hände zum Bund reichen und spontan in den Ruf ausbrechen: „Kultur, Kultur! – Liebe Brüden mehr Kultur!“ – Und es wurde auf keiner Seite dieses höchst austeckungsfreien, frisch gewaschenen und gepuderten Buches auch nur andeutend dargetan, daß manchmal auch Unrecht und Gewalt die großen Treibräder der Geschichte gewesen sind. Selber bei dem redlichen Spinoza begnügte man sich damit, das Bild eines weisen darzustellen, der, still in der Anschauung Gottes verharrend, der Welt eben ihren Lauf ließ, anstatt zu erwähnen, daß gerade er in seinen politischen Traktaten den immerhin. bemerkenswerten Satz aufstellte: habe jeder Mensch und jedes Volk nur genau so viel Recht auf der Welt, wie sie an Macht besäßen.

Und es erinnerte mich dieses sentimental-optimistische Geschichtsbuch nach dem zweiten Weltkrieg an ein ähnliches Machwerk, aus dem wir nach dem ersten Weltkrieg Geschichte lernen mußten und gläubig lernten. Auch in unserem Buch war die Welt dargestellt als Wohlklang und prästabilierte Harmonie, als die beste aller möglichen Welten des Herrn Leibniz, und man konnte nur beten, der liebe Gott möge ganz zufällig mal einen Blick in dieses Buch tun und sich vielleicht danach richten. Wir lernten nicht mehr Schlachten und Jahreszahlen, sondern nur noch Kulturgeschichte und diese als einen fairen Wettkampf unter edelgesinnten Partnern um die Krone der höchsten Gesittung. Kurz, wir sahen vor uns in der Schulstube eine Welt auf erbaut, in der ein jeder das Beste eines jeden wollte. Die rohe Wahrheit und die nackten Tatsachen wurden vor unseren gläubigen Augen mit dem hübschen Faltenwurf der Kultur behängt, bis sie eines Tages doch wieder nackt und roh vor uns standen: Wahrheit und Tatsache des zweiten Weltkrieges ... Als ob der dritte Weltkrieg sich lediglich durch Geschichtsbücher vermeiden ließe, die den Krieg leugnen!

Ja, aber womit soll es nun gehen, daß die Welt sich ein wenig mausere – zum Guten hin? Nun, ich denke mir, es ginge vielleicht doch mit jenen uralten Tugenden, die da heißen: Vernunft und Liebe. Mit jenen Tugenden nämlich, die wir unter dem Geschrei der Fanatiker immer nur allzu leicht wieder zum Plunder werfen. Es ginge vielleicht auch mit der Wahrheit. Und es ginge vielleicht auch damit, daß wir unsern Kindern, anstatt. ihnen die Binde neuer Lügen um die Augen zu legen, ein unabdingbares Gefühl für Recht und Gerechtigkeit anerzögen und das Mißtrauen gegen jede Art von Propaganda. Und damit überhaupt die Grundlage für ein gerechtes Urteil geschaffen werden kann, möchte ich vorschlagen, daß hinfort. nicht nur die Sieger für die Besiegten die Geschichtsbücht schreiben sollten, sondern daß man – vielleicht unter Führung der Unesco – eine Reihe von Geschichtsbüchern herausgeben sollte, die für jedes. Volk immer nur von seinem nächsten Nachbarn und Gegner geschrieben werden dürften. Es müßte also das Geschichtsbuch für Rußland ein Pole oder Finne schreiben, für Polen ein Litauer, für Deutschland ein Franzose, für Frankreich ein Deutscher, für Italien ein Österreicher, für Österreich ein Serbe, für England ein Ire, für die Vereinigten Staaten ein Indianer oder Mexikaner, für China ein Japaner, für Japan ein Koreaner und so fort um die ganze Welt. Aber es müßten diese unabhängige Schriftsteller sein, die jeweils von der einen Nation für das Buch der anderen ausgewählt werden sollten. Bei einer solchen Aufgabe – würden Schreibende und Lesende sich zur höchstmöglichen Objektivität und Gerechtigkeit zwingen müssen, die Waffen der Lüge würden zerbrechen, die Überheblichkeit würde den Atem verlieren und das Verständnis füreinander würde wachsen. Und es wäre zu denken, daß im Morgenrot einer neuen Hoffnung Vernunft und Liebe ihr zartes Flügelpaar endlich einmal frei entfalten dürften, ohne daß man befürchten müßte, der eisige Sturm des Hasses werde wieder aus den Wolken der Verleumdung hervorbrechen. Ob es nicht wirklich so ginge?