Uraufführung „Der öffentliche Ankläger“

Die Entscheidung über die geistige und finanzielle Krise des deutschen Theaters liegt letztlich in den Händen des Publikums selbst. Denn der Zuschauer gehört zum Theater als imanenter Bestandteil seines Wesens. Theater – als Veranstaltung von agierenden Komödianten unter sich, unter Ausschluß der Öffentlichkeit ausgeübt, oder als geistige Vorstellung konzipiert, ist ein Nonsens. Wir beginnen also, ganz wider die Konvention bei der Betrachtung der Uraufführung von Fritz Hochwälders Schauspiel „Der öffentliche Ankläger im Neuen Theater in Stuttgart mit der Reaktion des Publikums, mit dem Applaus.

Kurz bevor das Werk sich dem Finale näherte, rauschte beim Abgang der weiblichen Hauptfigur des Schauspiels, Theresia Tallien – der Gegenspielern des verruchten öffentlichen Anklägers Fouquier-Tinville“ – nach einigen erregten Bravo-Rufen ein knatternder Szenenapplaus durch das Haus. Wieso? Nun, Madame Tallien hatte eben gerade noch nach einer höchst spannenden Kriminalintrige den Ankläger in den Schlingen seines eigenen Netzes gefangen und zu Fall gebracht. Ein schauerlicher nächtlicher Geheimprozeß war vor den Augen der Zuschauer abgerollt. Eben noch hatte Fouquier, man möchte sagen in der roten Robe Freißlers, nicht ahnend, daß er als Ankläger gegen sich selbst auftrat, die Worte seines Justizmörderpathos gegen den noch unbekannten Angeklagten geschleudert. Und eben noch hatte der Richter das verschlossene Kuvert mit dem Verhaftungsbefehl geöffnet und dem überraschten Fouquier seinen eigenen Namen als den des Angeklagten ins Antlitz geschrien, war das Todesurteil über ihn ausgesprochen worden, hatten zwei martialische Schergen unter gräßlichen Flüchen des Betroffenen und unter fernen Trommelwirbeln ihn abgeschleppt, hatte der „Apparat“, die unerbittliche Maschinerie der Exekution, ihn in seine Fänge genommen. Nicht verwunderlich, daß die Zuschauer glaubten befreit aufatmen zu können. Aber was geschah? Bürger Tallien, der Gatte Theresias, der sie eben noch aus den Kerkern des Schreckensregiments befreit hatte, der ihr bei der Vernichtung Fouquiers behilflich war, trat plötzlich und unerwartet gegen Theresias Handlung auf und verurteilte sie in einer höchst furchtbaren und zynischen These: „Alle Macht bedarf des Terrors. Auch wir, die wir das Schreckensregiment bekämpften und besiegten, bedürfen seiner, wenn wir selbst herrschen wollen. Man muß sich eines Schurken wie Fouquier bedienen, um zu herrschen, und sich nicht seiner entblößen.“ Daß sich hierauf Theresia in einer glühenden Rede von ihm lossagte, die Gefahr nicht achtend, dankte ihr das Publikum in der erwähnten Weise, Aber Bürger Tallien ergriff kurz entschlossen die rote Robe Fouquiers, warf sich in den Sessel und diktierte eine neue Liste zahlloser Verhaftungen, an der Spitze Theresias Namen.

Man sieht, das Werk trifft ein Problem von ernster Bedeutung. Es ist ein spannendes, von Handlung erfülltes Stück, in dem jedoch auch die Lacher auf ihre Kosten kommen. Es war nicht zu entscheiden, ob sie die Äußerungen der gequälten Opfer der Demagogie als komisch empfanden oder ob ihnen der kalte Schauer ein hektisches Gelächter entlockte, wie in gewissen Kriminalfilmen.

An allen deutschen Theatern sucht man nach dem kassehfüllenden Stück. ,,Der öffentliche Ankläger“ empfiehlt sich. Nur fragt man, ob sich auch der Aufführungsstil des Neuen Theaters empfiehlt. In Stuttgart hat er seine Gemeinde. Er gibt sich als avantgardistisch entfesselte Theatralik.

Das Stück steht im Grunde auf einer Hauptrolle (Fouquier-Tinville), die bei Udo Löptin in guten Händen lag. Lilo Barth als Theresia Tallien stand nicht auf gleicher Höhe und wirkte konventionell. Regie führte im Stil des Hauses Otto Brefin. L. Spohr