Von Claus Jacobi

Günther Weisenborn ist einer des Jahrgangs 02 und ein Dichter; auch in seinen beiden neuen Büchern: „Memorial“, Verlag Kurt Desch, München, und Rowohlt, Hamburg, und „Die Furie“. R. Piper & Co. Verlag, München.

„Memorial“ beginnt mit einer Vorrede: Für die Nachgeborenen. Dies aber heißt nicht, daß uns Jetztgeborenen das Buch nichts anginge. Im Gegenteil. Weisenborn fängt in seinen 276 Seiten mehr ein von dieser Zeit, als viele Enzyklopädien und Geschichtsschreiber es wohl vermöchten. Etwa die Hälfte des Buches schildert Erlebnisse eines politischen Häftlings von 1942 bis 1945. Weisenborn hat sie nach seiner Befreiung geschrieben. Abwechselnd mit ihnen Szenen aus dem ersten, unfaßbar anderem Leben des Verfassers, dem Leben im Kolleg, im Zwischendeck und in Italien, die Trunkenheit nach der ersten Premiere, der ersten Liebe, und in der Bar ,,Lluvia du Oro“ irgendwo in Südamerika, die Abscheu vor dem Tod, den 1.-Klasse-Passagieren und Adolf Hitler, Ehrfurcht, Angst und Leidenschaft, 101 Filmaufnahmen der Vergangenheit, geschrieben – zumindest teilweise – in der Haft auf Tütenpapier, gesehen mit der fast unwirklichen Klarheit eines Todgeweihten.

„Die Furie“ ist die Geschichte einer Liebe während eines Bürgerkrieges in einer südamerikanischen Republik. Das Volk steht auf, um sich der weißen Herrschaft zu entledigen, und über Dr. Munk, dem Arzt, der den Schmerz mit der Pinzette sucht, stürzt der ganze Schmerz der Welt zusammen, als die geliebte Frau vor seinen Augen stirbt. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Es ist kein Kitsch. Unecht sind höchstens die politischen Gespräche: Kriegsschieber mögen Bösewichte sein, dumm – wie Weisenborn meint – sind sie in der Regel nicht.

Der Dichter Weisenborn setzt sich zusammen aus dem Journalisten und dem Dramaturgen. Der Ablauf aller Handlungen ist bewußt auf den Effekt abgestellt, seine Sprache sprüht von Bildern und Vergleichen. Aber er scheut sich nicht, ganze Absätze wörtlich aus der „Furie“ im „Memorial“ zu übernehmen oder die Beschreibung der Hand des Waffenlieferanten in Südamerika auf die Hitlers in München zu übertragen: „Weich, wie hingeeitert“. Doch alles, das versinkt mit Recht hinter der Glut, die jede Zeile füllt. Weisenborn liebt und haßt in ihnen. Er ist ein Mensch in dieser Zeit.

Er ist kein Bolschewist. Und darum sei hier auch das Wort Kommunist vermieden. Es könnte allzuleicht zu Mißverständnissen führen. Er ist – als politischer Mensch – eine Mischung zwischen einem Karl Marx und einem Gary Davis; will sagen: er kämpft für das Glück der Ausgebeuteten und glaubt, wenn dies mit gesundem Menschenverstand und geistigen Mitteln geschähe, sei das Ziel zu erreichen, ohne daß das Blut durch die Gossen in die Siele fließt, ohne daß der Lebenstandard oder gar die Kultur Schaden nimmt. Die Ehrfurcht Weisenborns vor der Kirche ist die eines Knaben am Totenbett eines ruhmreichen Greises; seine Übezeugung vom herannahenden Zeitalter der wirtschaftlich Unterdrückten aber ist die eines Gläubigen: ,,lch habe das Kreuz im Kolosseum mit Ehrfurcht betrachtet, das nach 2000 Jahren sich sieghaft erhob. Spätere Jahrhunderte werden die Opfer der Lehre von der Befreiung der Armen sicherlich ebenso ehren.“ Es ist ihm ernst damit. Er meint es gut, und eben das ist nicht ganz ungefährlich. Das Böse mißbraucht liebend gern das Gute, um Böses zu tun. Hitler nutzte den Friedenswillen des Westens, um sich in München das Sudetenland versprechen zu lassen. Von jenem Augenblick an war der Krieg unvermeidlich. Der Beispiele sind viele. Es gibt sie, zahlreicher noch im kleinen. Wenn sich nicht zur Menschlichkeit des politischen Schriftstellers Weisenborn politischer Intellekt, besser noch Instinkt gesellt, dann wird er eventuell eines Tages voller Schrecken auf eine Lawine sehen können, vor deren Fuß er einmal selbst ein Steinchen fortgeräumt hat, dann wird er vielleicht sagen: „Das habe ich nicht gewollt“, dann aber wird bestimmt das Vorwort an die Nachgeborenen von den danach Geborenen nicht mehr verstanden werden.