Antike und Abendland unter diesem bereitsgewohnten Titel ist im Marion von Schröder Verlag, Hamburg, der dritte Band einer Reihe von Veröffentlichungen erschienen, deren Grundlage Vorträge bilden, die in der Deutsch-Griechischen Gesellschaft zu Hamburg gehalten worden sind. Alle drei Bände sind von dem Gräzisten der Hamburger Universität, Prof. Dr. Bruno Snell herausgegeben. Der erste, heute leider vergriffene, erschien im Februar 1945. Da damals die Herausgabe von Büchern und Zeitschriften nicht nazioffiziellen Inhalts streng verboten war, so konnte man mit Recht von einem mutigen geistigen Widerstand sprechen. Wem es damals gelang, das Buch zu kaufen, der wird sich erinnern, wie beglückend sein Erscheinen wirkte.

Thema dieser Bände ist, wie der Titel besagt, das oft von einem Mißverständnis beherrschte und eben darum so besonders fruchtbare Verhältnis zwischen der Antike und der mit dem frühen Mittelalter besinnenden abendländlichen Geistesverfassung. Wie unendlich umfassend dieses Thema ist, das zeigten, um nur einiges zu erwähnen, im ersten Bande bereits die Aufsätze von Bruno Snell über „Arkadien, die Entdeckung einer geistigen“ Landschaft“, von Emil Wolff über „Shakespeare und die Antike“ und von Karl Reinhardt über „Die klassische Walpurgisnacht, Entstehung und Bedeutung“. Der zweite Band hatte das Thema eingeschränkt insofern, als er die Betrachtung auf die archaische Zeit der griechischen Antike beschränkte, abgeben daraus ergaben sich – weil ja die Antike so unerschöpflich ist – neue und interessant Aspekte, in dem Aufsatz etwa von Fritz Krischen „Werden und Wesen der jonischen Formelsprache“ oder von Ernst Latte „Die archaische Zeit Griechenlands als geschichtliche Epoche.

Der dritte, jetzt erschienene, in seinem Umfang abermals verstärkte Band nimmt das ursprüngliche Thema: „Antike und Abendland wieder auf. Wir wollen zwei Aufsätze aus der Fülle des Dargebotenen hervorheben. Der eins stammt von Kurt von Fritz, New York, an! handelt über „Totalitarismus und Demokratie im alten Griechenland und Rom. Er ist von einer erfrischenden Klarheit und Unabhängigkeit des Denkens, so, wenn es in ihm heißt, daß vollendet demokratische Verfassungen keine Sicherheit gegen totalitäre. Bemühungen bilden. Deandere Aufsatz ist von dem Hamburger Historiker Hermann Aubiner handelt von dem nicht oft dargestellten Phänomen, das die notwendige Ergänzung zu dem Nachleben der Antike bildet, von dem Absterben antiker Tradition nämlich vom Beginn des Mittelalters an.

Es ist kein Zufall, daß diese besonders schönen und in ihrer bunten Vielfalt auch aufglücklichste unterhaltenden Bände in Hamburg erschienen sind. In dieser Stadt wird auch heute noch das Erbe einer geistigengen Richtung bewahrt die ihren Mittelpunkt in der Bibliothek Warburg hatte und deren bedeutender Initiator der ideenreiche Kunsthistoriker Aby Warburg war. Martin Rabe