Während das Musikverlagswesen, also der Notendruck, bis auf wenige Ausnahmefälle noch völlig daniederliegt – was viel zu der bedauerlichen Benachteiligung der lebenden deutschen Komponisten beiträgt – hat die Musikliteratur, das Schrifttum über Musik in letzter Zeit bereits wieder einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Ein neuer Beitrag zur Illustration der Tatsache, daß das Bereden eines Gegenstandes meistens im umgekehrten Verhältnis zur realen Existenz des Objektes steht. Immerhin mag dies den Vorteil haben, daß in Epochen des Schweigens oder Verschwiegenwerdens schöpferischer Kräfte wenigstens die Erinnerung daran gepflegt wird, daß es solche Kräfte doch einmal gegeben hat und vielleicht – wahrscheinlich – immer noch gibt

Der Erinnerung dienen vorzugsweise biographische Bücher, die naturgemäß auch den größten Leserkreis ansprechen. Im Ferdinand Dümmler Verlag, Bonn, hat Ludwig Schiedermair seinen „Mozart“, umgearbeitet und vermehrt, neu herausgegeben. Ein schön ausgestattetes, vortreffliches Quellenwerk, an dem nur der Skeptiker gegenüber der Kompetenz des Kunstwissenschaftlers in tieferen Fragen des Kunstschaffens (zu solchen Skeptikern zählte zum Beispiel auch Lessing) möglicherweise die allzu weitgehende Gründlichkeit aussetzen könnte, mit der die wirklichen und vermeintlichen Anregungen und Einflüsse von Vorgängern und Zeitgenossen auf Mozarts Werk, bis in seine letzte Meisterzeit hinein, nachgewiesen werden. Man Meisterzeit schließlich gereizt, auszurufen: „Was ist denn an dem ganzen Wicht original zu nennen?“ – Weniger wissenschaftlich gibt sich ein aus ver-Weniger Berichten und Briefen zusammengesetztes Mozartbuch von C. W. Schmidt im Verlag Kemper, Heidelberg-Waibstadt; ein eigentliches Volksbuch für Musikfreunde; Gewichtiger, dafür aber auch mehr auf ein spezialistisches Interesse angewiesen, erscheint das Sammelbändchen „Selbstbiographien deutscher Musiker“, von Willi Kahl im Staufen-Verlag (Köln und Krefeld) veröffentlicht. Das sind Selbstdarstellungen einer Reihe bedeutender Barockkomponisten, nach den Erstdrucken faksimiliert, mit aufschlußreichen Einführungen und Kommentaren. Ein lehrreiches Einführungen zur Entwicklungsgeschichte der Musikerselbstbiographie, die ja erst im Zeitalter der Romantik zu ihrer höchsten Entfaltung kam. Im gleichen Verlag brachte Reinhold Sietz eine verdienstvolle kleine Darstellung des Balladenmeisters Carl Loewe, deren besonderer Anziehungspunkt in der ungekürzten Wiedergabe der eigenen Jugendbeschreibung des heute vielfach unterschätzten Komponisten liegt.

Eine wesentliche Bereicherung des theoretischen Musikwissens bietet Paul Mies (ebenfalls im Staufen-Verlag) mit seiner Untersuchung über den „Charakter der Tonarten“. Das umstrittene Problem der Tonartencharakteristik wird hier aus der bisherigen Sphäre der subjektiven bermaneutischen Spekulationen herausgehoben und mit den Mitteln strenger sachlicher Tatsachenanalyse im Zusammenhang mit den anderen form- und ausdruckbestimmenden musikalischen Elementen einer Klärung entgegengeführt, die es zugleich erweitert und begrenzt. – Eine reizvolle Verbindung zwischen grundsätzlicher ästhetischer Überlegung und Erschließung der Schaffensbedingungen vom Biographischen her ist Ilse Teuber-Kwasnik in der kleinen Schrift „Über die Bestimmung des Komponisten; Selbstzeugnisse“ (Staufen-Verlag) gelungen.

Eine ganz andere Welt als in allen diesen musik-literarischen Neuerscheinungen tut sich auf, wenn man das Buch „Unsere neue Musik“, von dem amerikanischen Komponisten. Aaron Copland (Edition Kasparek, München; übersetzt von Minna Reinhardt und Adalbert Brunner) aufschlägt. Da wird der problematische Komplex „Neue Musik“ mit lebhaften Geist, allerdings aber auch mit einer an Naivität grenzenden Unbefangenheit angegangen und das Faktum einer eigenständigen modernen amerikanischen Kunstmusik aus seinen folkloristischen und universaltechnischen Ursprüngen erklärt, mit leidenschaftlicher Selbstsicherheit propagiert. Viel bisher bei uns Unbekanntes (zumal auch manche Personalkenntnis) läßt sich daraus lernen, und mancher Restbestand verstaubter europäischer Tradition wird da vor unseren Augen weggeblasen. Aber doch wäre aus der europäischen Perspektive gar manches Wesentliche darauf zu erwidern; denn mehr als eine kühne, draufgängerische Behaup-, tung, mehr als eine lediglich empirische Begründung hält tieferem Einblick und schärferem Denken nicht stand. Dieses Buch hat seinen besten Wert in der vehementen Zukunftsgläubigkeit des Verfassers. Seine Schwäche liegt in jenem primitiven Positivismus, der das Neue um seiner Neuheit willen für Fortschritt und Jugend nicht nur für einen Subjektiven Vorzug, sondern für ein objektives Verdienst hält. Walter Abendroth