Reisebeschreibungen sind ein legitimer Zweig der Literatur, und insofern gibt es bei ihnen wie bei allen literarischen Gattungen viele berechtigte Formen, Stufen und Zeitfolgen der Darstellung. Da sind sublime Erzählungen, die im Reiche der Fiktion heheimatet sind, wie „Gullivers Reisen“ von Swift und die „Lettres Persanes“ von Montesquieu, andere gibt es, die Tatsachen mit phantasievollen Arabesken umrahmen, wie die „Sentimerital Journey“ von Sterne. Am unseren Ende der Stufenleiter existieren exakte und ein wenig langweilige Berichte wie jene, die uns italienische Kaufleute des 16. Jahrhunderts hinterlassen haben. Alle Reisebeschreibungen jedoch haben eines gemeinsam, daß sie nämlich Einfluß auf die geistige Entwicklung ihrer Zeit gehabt haben. Anderseits aber spiegeln sie für den Spätergeborenenin den bemühten und doch oft mißverstehenden Urteilen ihre eigene Zeit und die Beschränkung ihres Standes und Herkommens wider. Beides macht sie auch für die Mitlebenden wichtig. Daher ist es zu begrüßen, daß der Rowohlt kürzlich wieder zwei Reisebeschreibungen herausgegeben hat, eine sechste Auflage von Peter Fleming „Brasilianisches Abenteuer“ und eine erste – gekürzte –Übersetzung von Freya Stark: „Die Südtore Arabiens“. Typisch für unsere Zeit ist die Nonchalance, das hemdärmeligeDon-Quichotetum, mit dem sich Peter Fleming aufgemacht hat, um den verschwundener Oberst Fawzett im brasilianischen Urwald zu suchen und selbstverständlich nicht zu finden. Ebenso bezeichnend für unsere ist die Verbindung von Sachlichkeit und Romantik, mit der Freya Stark im Hadramauth der alten Weihrauchstraße vergangener Jahrtausende nachspürt. Die sichere Kenntnis des Landes, die sie sich auf diese Weise erwarb, kam ihr zugute, als sie später zu dem kleinen Stab gehörte, der das 400 000Quadratkilometer große Hadramauth verwalten half, nachdem seine Sultane sich während des Abessinienkrieges aus Furcht vor einer Eroberung durch Ibn Saud unter englischen Schutz gestellt hatten. Wer einen Hauch der arabischen Welt verspüren will, sollte dieses Buch lesen, wer Menschen liebt, wie sie Hemingway zu beschreiben pflegt, sollte zum „Brasilianischen Abenteuer greifen.

M. R.