Als Wilhelm Pinder im Mai 1947 unerwartet starb, erfuhren die Freunde, bald, daß er kurz vor seinem Tode eine Schrift vollendet hatte, in der er versuchte, die Summe der Gedankengänge seiner vierzigjährigen Lehrtätigkeit zu ziehen; eine knappe, gültige Zusammenfassung der in seinen zahlreichen Büchern und Aufsätzen und ungezählten Vorlesungen und Vorträgen entwickelten Ideen über das Wesen der Kunst.

Ich habe ihn in dem unerbittlichen, kohlenlosen letzten Winter seines Lebens mehrmals in den ihm verbliebenen Resten seiner Berliner Wohnung besuchen dürfen, als er in einem einzigen Zimmerchen, in dem zugleich gekocht und geflickt werden mußte und in dem auch sein Bett stand – einzige Sitzgelegenheit für Gäste – an einem kleinen Tischchen saß, ohne ein Buch seiner einst so reichen Bibliothek, und an diesem letzten Werk schrieb. Wir alle, die ihn damals besuchten, haben bewundert, wie er unter diesen bedrückenden äußeren Umständen und nach den schweren persönlichen Erlebnissen, die voraufgegangen waren, überhaupt Energie und Mut fand, zu arbeiten. Daß es ihm aber gelang, diesen Widrigkeiten die klarste und gültigste Form seiner tiefsten Erkenntnisse abzutrotzen, wissen wir erst jetzt, und es erscheint wie ein Wunder. Soeben erscheint im Deutschen Kunstverlag die Frucht dieser Monate: „Von den Künsten und der Kunst“.

Es ist ein kleines, äußerlich unscheinbares Bändchen von knapp 200 Seiten. Darin sind die in Worten so schwer zu umreißenden Grundfragen nach Wesen und Ursprung der bildendenKunst mit jeher letzten Reife und Einfachheit dargelegt, die in seltenen und glücklichen Fällen beides vereinigt: Gemeinverständliche Einführung des Anfängers in die Kunstbetrachtung; (das war der ursprüngliche Plan des Buches) und zugleich Vermittlung tiefer Einsichten an den mit den Gedankengängen Vertrauten und selbst Beschäftigten. (Denn ‚,Wir sind alle noch Anfänger“, sagt Pinder im Vorwort.)

Pinder geht eben überall davon aus, das Einfachste, das scheinbar Selbstverständliche zu definieren und erreicht damit nicht nur, daß die Darlegung der verwickelteren Gedankengänge auf festem Fundament steht, sondern er hat richtig erkannt, daß sehr viele, wesentlichste Erkenntnisse unmittelbar aus den deutlich begriffenen und begrifflich gefaßten Grund- und Urerscheinungen erwachsen. Man muß, um nicht den Grund zu verlieren, sich bei allen Überlegungen deutlich bewußt sein, wie die Künste sich gegeneinander abgrenzen, was z. B. unsere Ortsbewegung für die Baukunst, unser Tastsinn für die Plastik, unser Gesichtssinn für die Malerei bedeuten, welche Wesensunterschiede das bewegliche Kunstwerk vom unbeweglichen trennen, was aller Kunst gemeinsam ist (das Symbolische etwa), und was nur bestimmten Kulturepochen zugehört (die Perspektive etwa) und vieles andere. Es wird den meisten Lesern so gehen, daß sehr vieles, das bei klarer Überlegung nun ganz unumstößlich und eigentlich selbstverständlich einleuchtet, ihnen doch bisher nur halb bewußt oder ganz unbewußt gewesen ist. Ganz einfache Erkenntnisse wirken wie Entdeckungen. Es gelingt eben Pinder, die der Sprache an und für sich schwer zugänglichen Fragen der Bildenden Kunst mit seiner Meisterschaft des Wortes deutlicher zu benennen oder doch enger einzukreisen als es den meisten anderen Kunstdeutern gegeben ist.

Er kommt so zu einigen Grundthesen, die das ganze Buch durchziehen und die unmittelbar bezwingen, weil sie uns etwas bewußt machen, das wir nur geahnt haben. Ich will drei herausheben. Die erste: Daß in aller bildenden Kunst (und hier auch unter Einschluß der Musik) die menschlichen Sinne von Empfängern zu Sendern werden, daß der Mensch als einziges Lebewesen seine Sinne dazu gebraucht, sie über das bloße Aufnehmen hinweg „zu neuem Auftrag hinauszusenden, eine zweite Welt aufzubauen“ eine Welt nach seinem eigenen Gesetz, die nur ihm gehört. Die zweite, die dazugehört, zunächst am Vergleich anorganischer Naturformen (Kristalle). mit Architekturformen dargestellt, dann aber allgemeingültig befunden: „Der Künstler schafft echte Form nicht nach der Natur sondern als Natur“, ein Satz in dem das Schöpferische aller Kunst in ganz neuer Unmittelbarkeit begreifbar wird. Und schließlich die dritte, in die tiefsten Gründe des Schaffens vorstoßende: daß alle Kunst Bannung sei von Werten im Kampf gegen den Tod. „Es gäbe sie nicht, wenn es keinen Tod gäbe,“ Bannung des ewig vergehenden und verfließenden Lebens durch das Geheimnis der Form.

Binder hat die Wesensunterschiede von Kunst und Wissenschaft in diesem Buche noch einmal deutlich benannt. Er selbst gehörte seinem Wesen nach zu beiden geistigen Bereichen. Seine Einsichten sind eben darum um so gültiger. Man möchte glauben, daß er seinen Tod kommen fühlte und daß es ihn deshalb drängte, als Künstler und als Wissenschaftler seinen Gedanken die letzte Form zu geben und damit Dauer. Wir glauben, daß ihm das gelungen ist.

Alfred Hentzen