Die Einigkeit der Alliierten ist seit langem eine Fiktion. Im vorigen August jedoch bemühte man sich noch, die Form zu wahren: „Die alliierte Kommandantur“, so hieß es damals ineinem Schreiben aller vier Befehlshaber Berlins, „kann die Berufung nicht bestätigen.“ Und also mußte sich Stadtrat Ernst Reuter fünfzehn Monate hindurch mit dem Titel des gewählten, aber nicht anerkannten Oberbürgermeisters begnügen. Inzwischen ist genug geschehen, daß der 59jährigeProfessor nach seiner zweiten, einstimmigen Wahl in den drei Westsektoren auch amtieren kann. Für Berlin ist das eine gewonnene Schlacht.

Die SPD, deren konkurrenzloser Kandidat der Mann mit der schwarzen Hornbrille und der unvermeidlichen Baskenmütze seit 1946 ist, schätzt ihn vor allem wegen, seiner konsequenten Haltung und seiner kommunalen Fähigkeiten, die er als Dezernent für das Berliner Verkehrswesen, als Magdeburger Oberbürgermeister und SPD-Abgeordneter im Reichstag schon in der Weimarer Zeit bewies. Die Sowjets und die SED bezeichnen Reuter, der nach seiner Befreiung aus dem KZ durch englische Quäkerfreunde zehn Jahre lang als Berater in Verwaltungsfragen und Professor an der politischen Hochschule in Ankara von der türkischen Regierung besoldet wurde, von je her als „untragbar“. Die Botschaft Papens, so sagen sie, habe ihm stets allzu willig seinen Paß verlängert. Der wirkliche Ursprung dieses kompromißlosen Für, und Wider um Reuter aber ist zeitlich vielleicht doch noch früher zu suchen; er bildet die Parallele zu einem aktuellen Geschehen: dem Parteiwechsel. Reuter, Sohn des Direktors der Navigationsschule in Leer, in gutbürgerlichem Hause aufgewachsen, cand. phil., Hauslehrer und Sozialist, kehrte aus russischer Gefangenschaft des ersten Weltkrieges als überzeugter Kommunist zurück. Er wurde in Berlin Generalsekretär der KPD, trat jedoch aus Protest gegen die kommunistischen Aufstände in Mitteldeutschland nach 1921 wieder der SPD bei und überließ seinen Posten Wilhelm Pieck.

Ernst Reuter spricht die Sprachen aller vier Besatzungsmächte, ohne dabei verlernt zu haben, „deutsch zu reden“. Und außerdem kann er noch Türkisch. Denn er hat viel gelernt in Ankara. Niemals, nicht einmal in den hitzigsten Debatten, sah jemand diesen SPD-Politiker die Beherrschung vertieren. Die Berliner lieben seine wohldosierte Überlegenheit, seinefeine, fast melancholische Selbstironie und vertrauen seinen Worten. „Der russische Koloß wird in Berlin endgültig aufgehalten werden“, erklärte er auf einer -Wahlversammlung in Berlin. Freiwillig wird Ernst Reuter dieses Mal Wilhelm Pieck das Feld nicht räumen. C. J.