Eine langweilige Aufzählung von Tatsachen nannte der Manchester Guardian die Rede, mit der Englands Außenminister Bevin im Unter-, haus die außenpolitische Debatte eröffnet hat. Sie erwecke den Eindruck, als habe er ihre Vorbereitung dem prosaischsten und vertrocknetsten Beamten des Foreign Office übertragen. Alles, was er gesagt habe, sei untadelig korrekt, aber von jener Korrektheit, die lähmend wirke. Und dabei sei es doch so nötig, die angeschnittenen Probleme dramatisch darzustellen, damit der einfache Mann auf der Straße verstehe, daß, ungeachtet der festgefahrenen Lage in Berlin und des kalten Krieges, die nichtkommunistische Welt immer stärker zusammenrücke. Nun, hierzu wäre zu sagen, daß es bisher dem englischen Außenminister an Temperament nicht gefehlt hat und ebensowenig an der Freude des Fechtens und an einer Neigung, durch den eigenen Optimismus seine. Zuhörer mitzureißen. Wenn also Bevins Rede wie eine „langweilige Aufzählung von Tatsachen“ gewirkt hat, so kann dies kaum einem Zufall zu verdanken sein.

In der Tat dürfte es nicht möglich sein, die Probleme der englischen Außenpolitik zugleich gründlich und mit dramatischem Schwung darzulegen. Dazu-sind sie viel zu kompliziert und viel zu widersprüchig in sich. selbst. England nämlich ist heute hin und her gerissen zwischen zwei Formen der Politik, einer rein englisch orientierten, die nur fragt, wie ist es möglich, einen Teil; der alten Macht wiederzuerlangen – politisch sowohl wie wirtschaftlich und einer anderen, die dem Rechnung trägt, daß England ein Teil der westlichen Welt ist, zu der nicht nur Westeuropa gehört, sondern auch das Commonwealth, die Vereinigten Staaten und Lateinamerika, jener Welt also, die entschlossen ist, sich gegen die russischen Unterdrückungsmethoden zu verteidigen. Daß Bei so zwiespältigen Interessen ständig Konflikte entstehen müssen, liegt auf der Hand.

So ist, um ein Beispiel herauszugreifen, England viel daran gelegen, Italien in den Bund der westeuropäischen Völker hineinzuziehen, gleichzeitig aber wünscht man in London, sich die nordafrikanischen italienischen Kolonien zu sichern, um hier Stützpunkte auszubauen und dadurch den Verlust von Palästina und Ägypten wettzumachen. Einerseits bemüht man sich also freundschaftlich um Italien gemäß einer Politik westlicher Verbundenheit, anderseits verletzt man seine berechtigten nationalen Gefühle um der militärischen Sicherheit Großbritanniens willen. Es dürfte kaum möglich sein, eine solche Politik mit „dramatischem Schwung“ vorzutragen. Daher hat Bevin auch Vorgezogen, zwar Italiens Bereitschaft, sich an einem europäischen Bund zu beteiligen, lobend zu erwähnen, von den Kolonien hingegen nicht zu sprechen.

ähnlich liegt das Problem bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern der Marshall-Hilfe. England hat einen Vierjahresplan aufgestellt, um eine Gesundung seiner Zahlungsbilanz herbeizuführen, vor allem das Dollerdefizit zu beseitigen. Dieser Plan hat in Frankreich Ablehnung und Entrüstung hervorgerufen. In Paris wirft man den Engländern vor, daß sie das Prinzip der europäischen Zusammenarbeit verraten hätten, daß ihre wirtschaftliche Erholung sich auf Kosten der anderen westeuropäischen Nationen vollziehen solle, daß Großbritannien, statt den anderen Marshall-Ländern beizustehen, vorsätzlich Ihre mißliche Lage noch verschlechtere. Die britische Zeitschrift The Economic hat darauf vor einiger Zeit erwidert, vor dem Kriege habe Europa im Durchschnitt für 600 Millionen Dollar mehr nach England eingeführt als England nach Europa. Dies sei in der englischen Zahlungsbilanz ausgeglichen worden durch Zuflüsse, insbesondere von Kapitalanlagen, aus außereuropäischen Ländern. Die seien aber infolge des Krieges verloren, und England sei, um seine Währung zu konsolidieren, gezwungen, mehr nach Europa auszuführen als ea aus den europäischen Ländern erhalte. Wolle man England vor die Wahl stellen, entweder das Pfund stabil zu halten oder Insolvenz zu riskieren um des europäischen Exportes willen, dann sei es schwer einzusehen, wie man sich in London anders entscheiden könne als für die Währung und gegen Europa. Auch in diesem Fälle dürfte es kaum möglich sein, das Problem der europäischen Zusammenarbeit mit jenem dramatischen Schwung darzustellen, den der Manchester Guardian in der Rede des englischen Außenministers vermißt hat. Bevin hat sich denn auch damit begnügt, trocken zu bemerken, Frankreich müsse einsehen, daß England kein Markt mehr für Luxusartikel sei wie in 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert.

Solche Fälle, in denen die rein englischen Interessen in scharfem Gegensatz stehen zu einer Politik westlicher Zusammenarbeit, ließen sich noch mehrere anführen. Andere wieder gibt es, wo innerhalb der Politik westlicher Gemeinschaft die Fronten sich hin und her verschieben. So etwa steht England mit Frankreich zusammen gegen Amerika in der Frage der Demontage deutscher Fabriken und anderseits mit Amerika gegen Frankreich bei der Aufstellung des Ruhrstatuts. Es ist also im Augenblick schwer, summarisch nach großen Gesichtspunkten über die englische Außenpolitik zu sprechen, ohne sich entweder in die Phrase zu verirren oder Programme zu entwickeln, die sich später nicht durchführen lassen, was bei den Partnern unweigerlich Mißtrauen erregen müßte. Bevin hat dies klug vermieden, und dadurch ist seine Rede eine „langweilige Aufzählung von Tatsachen“ geworden. Doch entspricht dies nicht nur rhetorischer Vorsicht, es spiegelt sich hierin vielmehr auch die Art wider, wie im Augenblick englische Außenpolitik überhaupt betrieben wird. „Wir müssen die Völker von Westeuropa nicht enttäuschen, indem wir eine leere Fassade errichten, eine Plattform, ein Ding, das, nichts tun kann und uns damit begnügen“, erwiderte der englische Außenminister auf eine Anregung der Times die Regierung solle auch gegen ihre innere Überzeugung einem Europäischen Parlament zustimmen, wenn dies der ernstliche Wunsch von Belgien und Frankreich sei. Hierauf werde er sich nicht anlassen, hingegen wünsche er etwas aufzubauen, das Dauer verspreche. Dies sei in den letzten zwölf Monaten geschehen; Schritt um Schritt sei man vorangekommen.

Immer wieder hat Bevin in seiner Rede betont, daß man langsam und methodisch vorgehen müsse. In dem Ostblock der kommunistischen Länder vollzieht sich ein Zusammenschluß „reibungslos“ auf Befehl. Wer nicht gehorcht, springt früher oder später über die Klinge. Die westlichen Staaten hingegen müssen sich in ihrer Union freiwillig zusammenfinden. Kein Wunder, daß bei ihnen immer wieder Konflikte deutlich werden zwischen einer nationalen und einer allgemein westlich orientierten Politik, Konflikte, die, wie wir gesehen haben, auch in der Außenpolitik Großbritanniens auftreten. Und eben deshalb hält Bevin es nicht für richtig, jetzt bereits ein Europäisches Parlament zu berufen, in dem diese Konflikte einen unendlichen Redestoff bilden würden. Seiner Ansicht nach wäre es zweckmäßiger, einen europäischen Rat. zu konstituieren, der von Fall zu Fall zusammentritt, um Fall für Fall zu beraten und zu entscheiden.

Dies nämlich ist Bevin glaubt, daß die großen Linien der westlichen Politik hinreichend festliegen und daß es nun darauf ankomme, die einzelnen Streitfälle zu klären, bevor man beginnen könne, die Europäische Organisation weiter auszubauen. Wir wollen nicht vergessen, es war Bevin, der seinerzeit – nicht ohne daß viele Amerikaner verblüfft waren – geistesgegenwärtig die Anregung Marshalls für eine Europa-Hilfe aufgegriffen hat. Und mit Recht hat er in seiner Rede auch betont, daß der Vorschlag, eine Westeuropa-Union ins Leben zu rufen, von ihm stamme. „Wir lassen uns von niemandem in unserem Wunsche übertreffen“, so sagte er, „das äußerste Ziel zu erreichen.“ Im Augenblick aber, das geht aus der ganzen Rede hervor, hält er es für angebracht, zunächst Fall auf Fall methodisch zu klären.