Wer einmal in Unterflintsbach im bayrischen Inntal die Bauern sommerlicherweise Ritterstücke hat spielen sehen, Ritterstücke, die noch aus dem Barock stammen und jeweils etwas umgearbeitet werden, der ahnt vielleicht, warum hier gesagt wird, zu München im Bayrischen Staatstheater am Brunnenhof sei soeben „Bauerntheater“ gespielt worden und zwar nicht à la Ludwig Thoma, sondern auf die Ritterstückweise. Daß der Bauernsproß Richard Billinger, Bajuware von jenseits der Salzach, der Verfasser der Komödie „Der Galgenvogel“ ist, hat mit diesem Faktum zwar etwas zu tun, aber doch nicht mehr als die andre Tatsache, daß sein Stück am bayrischen Hofe zur Zeit des Kurfürsten Ferdinand (?) Emanuel spielt (also in gehobener Umwelt, so wie die Flintsbacher Ritterstücke auch). Das Entscheidende jedoch ist: daß hier wie dort die ritterbürtige obere Welt aus der Sicht jener erheiternden Naivität angesehen wird, bei der die Wunschkraft mit der Ahnungslosigkeit sich zu wunderlichen Traum-Geschehnissen mischt, ohne daß den Nächstbeteiligten, Bauernspielern wie Publikum, darüber die Ernsthaftigkeit verginge.

Läßt also da der Komödiendichter einen zum Galgen Bestimmten von der just vorüberkutschierenden Frau Kurfürstin dem Henker abbitten, nimmt ihn gleich mit in der Kutsche in die Residenz und läßt ihn von Ferdinand Emanuel, einem wahren roi soleil des brasseries, nach einem Bier- und Weißwurstfrühstück, begnadigen – was nicht ganz einfach ist. Denn der Delinquent hat sich als Wildfrevler bekannt, und wenn’s am den Hirsch geht, wird der bayrische Hochadel ungnädig, sowie der Kurfürst da zu viel Gnade vor Recht ergehen ließe. Tut’s aber doch, der Herr Kurfürst, der welschen (flandrischen?) Gemahlin zuliebe, und weil’s in einem hingeht, darf auch das Kammerfräulein Julie Brigitte von Angerrauch die Herzbitte tun, daß an Stelle des depperten jungen Grafen von Tratzenbach am Abend im Schloß, man denke, der Delinquent in einer Liebhaberaufführung mitspielen darf. Aber es kommt nicht dazu. Denn wie die alt’ Mutter des Wildfrevlers auftaucht, um sich bei Kurfürstlichen Gnaden für die Begnadigung zu bedanken, stellt sich heraus, daß der Ihrige gehenkt worden ist wegen dem umbrungenen Hirschen im Acker, und der Abgebetene der „andere“ war, der wegen eines erstochenen Weibsbild hat gehenkt werden sollen. Jetzt wird der angelogene Kurfürst aber fuchtig und will die Prozedur nachholen lassen. Ein wahres Glück, daß der Armesünderpater inzwischen in Freising des Burschen Unschuld hat feststellen können Mangels eines Jeeps wäre er zwar trotzdem zu spät zurückgekommen, aber die kleine Angerrauch hat den Buam in Kammerfrauenkleidung gesteckt und mir ihm allem Anschein nach die bajuwarisch-ländliche Sitte exekutiert, die bei Thoma „die Probier“ heißt.

Da ein guter Landesvater mir den Landessitten übereinstimmen muß, gibt’s dadrauf auch bei Billingers selbsterfundenem Ferdinand Emanuel gar nicht? weiter als ein sachverständiges Schmunzeln und den Konsens, daß die Angerrauchin ihren süßen denKonsens, heiratet – wodurch der Kurfürst auch seine eigene Ehe wieder in die Reihebringt. Denn nun kann er der eifersüchtigen Kurfürstin gestehen, daß seine Neigung zur kleinen Angerrauch rein väterlicher Art ist; Julie Brigitte ist nämlich seine – Tochter aus einer früheren Probier. Er hat’s Anna Clara bisher nur verschwiegen, weil sonst aufkam, daß er sich jünger ausgegeben hatte, als er ist. Aber nun, wo’s aufkommt, reist die Welsche nicht einfach eifernd davon, sondern bleibt als doppelt liebend Weib zu München in der Residenz am Brunnenhof.

Denn das ist eine der Pikanterien des mit so viel Un Wahrscheinlichkeiten und einer doch recht dünnblütigen Handlung versorgten Komödie: daß sie genau dort spielt, wo sie auch jetzt gespielt wird. Sie ist soweit eine artige Reverenz vor altbayrischer Gemütlichkeit, aus der Bauerntheaterperspektive ins Kurfürstliche gehoben, um dort allen theatralischen Effekten mehr Ansehen zugeben. Und da es auch unter den Stadtleuten ungemein viele gibt, die es mit einer mimisch wacker entfalteten Gemütlichkeit halten und lieber was nettes Unwahrscheinliches als eine ungemütliche Wahrheit genießen, und da zudem die Besetzung (Rösner, Hans Baur, Maria Remold) das Kolorit wahrte, so war der Beifall, den Billinger bei der Uraufführung entgegennehmen konnte, gewaltig. Aber daß dies der gleiche Billinger sein soll, der einmal mit der „Rauhnacht“ das wilde Heer der jahreszeitlichen Dämonen wie etwas noch immer Lebendiges beschworen hatte, das will einem nimmer ein. Auch wenn seine zutappende Bildersprache, pittoresk in jedem Sinne, von der früheren Art auch hier noch Zeugnis gibt, wie ein barocker Schnörkel auf einer irdenen Kaffeetasse. Aber die Tasse, Billinger, die Tasse! Billiger geht? bald nimmer.

Hanns Braun