Die Franzosen haben die Tricolore, die Engländer den Union-Jack, die Amerikaner die Stars and Stripes. Jedes Volk besitzt in seiner Fahne ein Symbol, ein Zeichen und Sinnbild der eigenen Gemeinschaft. Nur wir sind ohne Symbol, ohne Fahne und ohne Hymne. Im Laufe eines Menschenakers haben wir drei Flaggen gehabt: schwarz-weiß-rot, schwarz-rot-gold und das Hakenkreuz. 1918 wechselten wir mit der Staatsform auch die Farben, und das war nicht gerade weise. Wir hätten damals schwarz-weißrotruhig beibehalten sollen, denn das war unsere Fahne und keine Kaiserstandarte. Aber wir waren wieder einmal gründlich, mit dem Ergebnis, daß wir Symbol und staatspolitisches Programm miteinander verwechselten. Und so haben wir seit 1918 Programme statt Symbole gehabt, wodurch dann auch schwarz-weiß-rot nachträglich zur Programmfahne geworden ist.

Wir haben diese drei Flaggen nicht nur gehabt, sondern wirklich verbraucht. Allesamt sind sie Vergangenheit: schwarz-weiß-rot, das einmal Symbol war, aber dann in den Kampf der Parteien hineingeriet, schwarz-rot-gold, das immer zu programmatisch und niemals wirklich volkstümlich gewesen ist, und schließlich.das Hakenkreuz, die Fahne des Hasses und des Verbrechens. Heute ist die Symbollosigkeit das einzige Symbol des deutschen Zustande.

Wer selbst in der Vergangenheit lebt, dem fällt es schwer, Vergangenes vergangen sein zu lassen. Den Restaurierten der Weimarer Republik ist es am Wenigsten zu verübeln, daß sie nun ihrerseits schwarz-rot-gold restaurieren wollen. Aber was 1918 inWeimar nicht weise war, kann nur geringe Aussicht haben, 1948 in Bonn zur Weisheit zu werden. Auch 1948 ist schwarz-rotgold wieder Programm und nicht Symbol, ob man nun die Fahne von 1918 unverändert, läßt, wie das die SPD wünscht, oder ob man ein schwarz umrandetes goldenes Kreuz auf rotem Grund wählt, wie das die CDU begehrt. Symbole lassen sich selten fertig konstruieren’ und dann mit Mehrheit beschließen. Wenn man aus dem Nichts kommt wie wir, so muß man sich gedulden, zuerst in die Gemeinschaft und dann in ihr Symbol hineinwachsen. Es wäre besser, noch längere Zeit ganz ohne Fahne zu leben als zu schwarz-rotgold zurückzukehren, zu den zerstrittenen Farben von ehedem.

Aber vielleicht ließe sich heute schon ein Symbol für unser nationales Dasein finden, für die Leere, aus der erst allmählich wieder Fülle werden kann, für das Fremde, das sich nur in langer Frist durch Eigenes ersetzen läßt, für den Rechtsmangel, der das Recht noch, aber nicht für immer fernhält. Nun, wir haben ein solches Symbol des Nichts, aus dem wir kommen, in der Flagge, die unsere Schiffe schon am Heck tragen: blau-weißrot-weiß-blau. Schiffe müssen nun einmal irgendwie gekennzeichnet sein, und da wir selbst nichts zu bestimmen hatten, so wählten die Sieger für uns aus dem internationalen Flaggenbuch diese Flagge aus, als Kennzeichen und gewiß nicht als Wahrzeichen, als etwas X-Beliebiges und gewiß nicht als Symbol. Und dennoch war gerade dies ein Symbol unserer Armut, des deutschen Staats- und Rechtsvakuums. Es gibt das Beispiel der Niederländer, die sich Geusen – Beispiel – nannten, nachdem sie Von den Spaniern so genannt worden waren, der Protestanten, die diesen Namen wählten, nachdem die Katholiken ihn für sie geprägt hatten. Nun, wir wollen gewiß gegen niemanden einen Freiheits- oder Glaubenskampf ausfechten. Aber zu Bettlern des Völkerrechts, zu Protestanten gegen den Zustand der nationalen Zerrissenheit sind wir in so mancher Hinsicht geworden. Es wäre wahrhaftig eine symbolische Handlung, wenn wir die Flagge des Nichts, die man für unsere Schiffe verfügte, selbst zu Deutschlands Fahne erklären würden. -Das wäre ein Bekenntnis der Deutschen zur Zukunft, in der sie zu sich selber finden wollen. In Bonn hat man sich zu einer Vergangenheit bekannt, mit der wir schon einmal gescheitert sind. Fr.