Zu einer Langenbeck-Uraufführung

Von K. F. Keinking

Württembergischen Staatstheater in Stuttgart vor sich. Nicht dramaturgische Theorien standen zur Debatte, sondern ein Menschheitszerstörungsstück mit „zeitnahem“ Vorwurf – oder (in der Art veralteter Untertitel ausgedrückt): kann die Atomphysik noch sittlich sein?

Die Handlung ist mit wenigen Worten zu erzählen. In Amerika entdeckt ein nach dem zweiten Weltkrieg dorthin Übersiedeiter deutscher Gelehrter ein Zerstörungsmittel allen biologischen Lebens. von ungeahnten Ausmaßen und unerwartet geringen Herstellungskosten. Prof. Konrad Brückmann, so heißt der Physiker, vernichtet seine Entdeckung. Er verbrennt alle rechnerischen und experimentellen Unterlagen. Aus religiösen Motiven. Für Brückmann ist mit der Erkenntnis der unvorstellbaren Zerstörungskräfte, die ihm durch seine Forschungsarbeit gelang, dem Schöpfer ein Geheimnis geraubt, das ihm zurückerstattet werden muß. Es besteht kein anderer Weg für ihn als die sittliche Entscheidung des allein vor Gott verantwortlichen Gewissens.

Aber Brückmann veröffentlicht später in einer Zeitschrift die Tatsache der selbstgewählten Vernichtung seiner Forschungsergebnisse. Er ist damit nicht mehr die ringende Einzelseele vor dem Gewissen Gottes, sondern im Zeitalter der Presse und des Telefons Sozialprodukt für die Zwecke der modernen Gesellschaft. Deren zeitgemäße Reaktion ist: Einmischung des amerikanischen Außenministeriums, Umstimmungsversuche Brückmanns, eine – arrangierte Aussprache vor Zeugen zwischen dem zielbewußten, smarten Realisten und Machtmenschen Staatssekretär Kliff und dem protestantischen Utopisten Professor Brückmann. Sie füllt den zweiten Akt mit allem Drum und Dran einer Gesellschaft im kleinen Abendanzug, Zeitprognosen, Typenschilderung, Leitartikelgewäsch und gewollten Bonmots Die Aussprache ergibt nichts Neues –außer der von Kliff offen ausgesprochenen These; Feindschaft zu einer Sache braucht nicht in der offenen Unterstützung des Gegners zu liegen; Feind kann sein, wer sich zwischen. zwei Lagern passiv verhält und ihre Ziele ignoriert: „Es kann deshalb nötig werden, um der Toleranz der westlichen Zivilisation willen, intolerant zu werden.“ Standpunkt und Anschauungen stehen sich gegenüber, ohne Kompromisse und Zwischenlösungen für Brückmann.

Es findet sich in der Person von Dr. Thomas Kreiß, dem Schüler und Assistenten Brückmanns, der Judas. Er rekonstruiert die Formel der Erfindung Prof. Brinkmanns aus kleinsten ihm noch zugänglichen Details. Er stellt sie hierauf den Politikern zur Verfügung. Seine Handlungsweise entspringt einer ebenso klaren Überzeugung wie die Brückmanns. Dem gläubigen Christen steht der absolute Wissenschaftler und amoralische Realist gegenüber: „Wir sind in den Naturwissenschaften jenseits von Gut und Böse. Unser Dasein ist Natur und damit Willkür und Verschwendung.“ –

In einem Begleitschreiben des Programmheftes interpretiert Langenbeck sein Schauspiel mit folgenden Worten: „Der Phantast könnte inzwischen (bis er seinen ‚Zorn des Prometheus‘ geschrieben hat). immerhin mithelfen, ein Charakteristisches und Wesentliches unserer Betroffenheit neuerdings sehr fühlbar und sichtbar zu machen; denn nicht vor sich verbergen, wie es um einen steht: das bleibt durchaus eine der wichtigsten Voraussetzungen echter Wandlung.“ – Wenige Sätze vorher stellt er fest, daß die Haltung des Physikers Brückmann und die des sich unzweideutig zum Faktum der Gottlosigkeit bekennenden Assistenten offenbar fein unlösbares Problem enthalten.