Für die Bedeutung der Kartoffel innerhalb unserer Ernährungswirtschaft bedarf es an sich keiner besonderen Propaganda mehr. Die diesjährige Hauptversammlung der Berufsvertretung des Kartoffelhandels glaubte jedoch – und das mit Recht – erneut (in einem Dutzend. Referaten von unterschiedlichem Format) auf die Tatsachen hinweisen zu müssen.

Der äußere Rahmen – der Plenarsaal der Bürgerschaft im Hamburger Rathaus, die Begrüßungsansprache Bürgermeister Brauers, der die Beteiligung der Wissenschaftler an dieser Tagung, besonders hervorhob, und nicht zuletzt die Anwesenheit ausländischer Gäste (Schweden, Dänemark, Holland, Belgien, Schweiz und Italien) – gab dieser Jahresversammlung besonderes Gepräge. Sie war mehr wie ein bloßer Rechenschaftsbericht. Ersten Beifall erntete die Nachricht, daß seit kurzem eine einheitliche Berufsvertretung der Kartoffelhandels für das gesamte Gebiet der drei Westzonen bestehe. Die Referate gipfelten durchweg, in der Mahnung, die Rekordernte 1948 dürfe nichtt dazu verführen, sorglos aus dem Vollen zu schöpfen Während vor dem Kriege die Verwertung großer Ernten den Erzeugern große Sorgen bereitete, weil das Mehr im landwirtschaftlichen Betrieb normalerweise nicht verwertet werden konnte, lägen die Verhältnisse heute umgekehrt. Die Vorkriegsanbaufläche für Kartoffeln habe etwa 2,9 Mill. ha. mit 50 bis 60 Mill. t Ernte betragen. Ein Drittel habe ausgereicht, um den Bedarf an Speise-, Fabrik- und den Wechselbedarf an Pflanze kartoffeln zu decken. Der Rest diente zur Befriedigung des Eigenbedarfs der Landwirtschaft, zu Futterzwecken und zur Spritherstellung. Die heutige Anbaufläche dagegen betrage nur 1,3 Mill. ha, bei einem durchschnittlichen Ertrag von 21 bis 22 Mill. t (Trizone). Bei der diesjährigen Rekordernte würden zwei Drittel (gegen ein Drittel vor dem Kriege) zur Deckung des Speise- und Pflanzkartoffelbedarfs gebraucht. Es verbliebe also kaum ein Drittel der Ernte für den sonstigen Bedarf, einschl. Verfütterung. Das Maß der notwendigen Wirtschaftslenkung in der Kartoffelwirtschaft hänge demnach in Zukunft noch mehr als früher von dem Ausfall der Ernten ab. Trotz Aufhebung der Rationierung müßte die Ablieferungspflicht der Erzeuger so lange aufrechterhalten bleiben, bis die Anbaufläche in der Trizone wenigstens 1,5 Mill. ha erreicht habe. Sonst bestehe die Gefahr, daß die Speisekartoffeln in den Futtertrog oder in die Spritverwertung abwanderten. Die Preisfestsetzung lasse sich ebenfalls so lange nicht umgehen, wie dem Erzeuger ein Ablieferungssoll auferlegt sei. Nur bei ausreichenden Ernten könne die Frage aufgeworfen werden, ob man die Preisbildung der freien Entwicklung überlassen solle, um dem Qualitätsgedanken zum Durchbruch zu verhelfen. Sobald das gesteckte Ziel erreicht sei, werde die bisherige marktordnende Aufgabe vom Staat auf die Wirt-– schaft selbst übergehen. Die Bildung von Marktgemeinschaften schreite erfreulicherweise schon voran. In eine solche Marktgemeinschaft gehörten Erzeuger, Handel und Genossenschaften.

Anbaufestisjung und Versorgungssicherung seien die beiden Hauptziele. Und der Kartoffelhandel sei der berufene; aber auch der alleinige Mittler zur sicheren Erfüllung, dieses Aufgabengebietes. Die aktuellen Tagesfragen-seien: Preisbildung, Neuordnung der Handelsspannen, Senkung der Betriebsunkosten, Verringerung des Qualitäts- und Geldrisikos, Marktgestaltung sowie Zusammenarbeit zwischen Kartoffelzucht und -handel. Als Zukunftsaufgaben wurden bezeichnet: die besondere Berücksichtigung des Qualitätsgedankens bei gleichzeitiger Erzielung von Höchsterträgen, ein richtiges Verhältnis von frühesten, frühen, mittelfrühen, mittelspäten und späten Sorten, wobei das Schwergewicht beim Spätanbau zu liegen habe, die Erhöhung des Stärke-Ertrages und Erzüchtung einer genügenden Frostunempfindlichkeit und die Entwicklung eines Spezialanbaues für Trockenspeisekartoffeln. Für den Kartoffelanbau im allgemeinen ergäben sich neue Probleme aus der Erweiterung der Anbaufläche; dem wohlüberlegten Saatgutwechsel, einer energischen Schädlingsbekämpfung, der weiteren Technisierung von Kartoffelanbau und -ernte sowie einer wesentlichen Verbesserung der Lagerhaltung, da durch schlechte Lagerung alljährlich Millionenweise verlorengingen. Der Leitgedanke des alten ehrlichen und anständigen Kaufmanns, Mittler zwischen Erzeuger und Verbraucher zu sein, müsse auch die weitere Arbeit der Berufsvertretung bestimmen.

Höhepunkt der Arbeitstagung waren die – wenn auch in etwa den Rahmen sprengenden – Ausführungen von Professor Baade (Institut für Weltwirtschaft, Kiel) über allgemeine Tagesfragen der Welternährungswirtschaft und des Welthandels. Die „Weltwirtschaft der Fülle’ – wie Baade es nannte – sei in den vergangenen Jahren einer „Weltwirtschaft des Hungers“ gewichen.. Doch die Rekordernten der Jahres 1948, nicht nur bei der Kartoffel, seier das erste Anzeichen dafür, daß wir uns allmählich einer Zeit der Fülle näherten. Allerdings bleibe der große Unsicherheitsfaktor der amerikanischen Ernten, die mehr als in anderen Produktionszeiten von Regen oder Dürre beeinflußt würden und dementsprechend die ganze Weltwirtschaft und namentlich unsere eigene importbedürftige Wirtschaft dauernd in Atem hielten, Auch Professor Baade trat nachdrücklich für die Forderung ein, bis zur eventuellen Wiedergewinnung der Ostgebiete den Westen wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen: nicht zuletzt auch in der Kartoffelwirtschaft, – orp.