Maßstäbe für den künstlerischen Neubau des deutschen Theaters aufzurichten, ist eine Hoffnung, die sich an wenige Persönlichkeiten knüpft Man kann sie fast an einer Hand aufzählen. Einer der dabei in Betracht kommenden Plätze ist Düsseldorf, weil und solange seine Bühnen Gustaf Gründgens unterstehen. Seine Mission ist das Schauspiel. Der Besitz des einzigen richtigen Opernhauses in dem Räume zwischen Bielefeld und Wiesbaden verpflichtet aber auch die Düsseldorfer Musikbühne zu Besonderem. Ihr jüngster, der Gegenwart gewidmeter Opernabend ließ keinen Zweifel mehr zu, daß hier eine Hauptweiche falsch gestellt ist.

Wie die Verhältnisse in einem gemischten, zwischen drei Gattungen balancierenden Theaterbetrieb nun einmal sind, wird die Düsseldorfer Oper weithin überragenden Rang kaum je durch die Ansammlung sängerischer Prominenz erreichen können. Düsseldorf hat früher viele gute Stimmen nach ihrem Aufstieg abgeben müssen,Es wird sie auch künftig einigen reinen Staatsopernbetrieben nicht vorenthalten können. Um so entscheidender ist die Ausbildung eines Aufführungsstils, der eigenes Profil, einheitlichen Geist und beispielgebende Qualität mit wechselnden Figuranten erzielt. Eine seiner wichtigsten und dennoch mißachteten Komponenten ist die Opernregie. In Düsseldorf schwankt sie zwischen der einsamen Hohe seltener Gastinszenierungen Wolf Völkers, Berlin (Ariadne auf Naxos, Wozzek), denuntereinander ungleichwertigen Liebeserklärungen von Gründgens selbst an die Oper, und dem Hausregisseur Alexander Schum. Er vor allem wäre berufen, mit der musikalischen Leitung zusammen das Gesicht der Opernbühne zu prägen, ihr Durchschnittsniveau zu bestimmen. Seine drei Inszenierungen (Verkaufte-Braut, Barbier von Sevilla, Die Kluge) und eine Einstudierung als Gast in Köln bewiesen jedoch, daß die Düsseldorfer Oper durch ihren gegen-Routine, Oberspielleiter auf konventionelle festgelegt auf provinziellem Vordergründigkeit festgelegt und provinziellem Niveau ausgeliefert wird. Schums Regie der „Klugen“ mag ausgereicht haben, die Zuschauer für Orff zu interessieren. Von der Höhe des Orffschen Geistes war diese bilderbogenhaft aufblätternde, opernhaft kokettierende und alle Kanten aufweichende Inszenierung weit entfernt. Weder war der König vital noch die Kluge unnahbar, und auch die Strolchszenen blieben ein gemütlicher Ulk, kein frech sprühendes Ensemble. Der Dirigent Hans Blümer war durch die Lauheit von „oben“ in der Intensität des Rhythmischen weitgehend festgelegt. Der Abend wurde als Ganzes keineswegs dadurch gerettet, daß im ersten Teil Gründgens eine kammerspielhaft durchgetönte Inszenierungdes „Armen Matrosen“ von Darius Milhaud beisteuerte. (Bild: R. Pudlich Das tragische Heimkehrermotiv dieses kurzen „Klagelieds in drei Akten“ auf einen Text von Jean Cocteau und mit der großartigen gesanglichen und darstellerischen Leistung Margarete Teschemachers im Mittelpunkt mag eine zeitlose Aktualität haben; verdienstlich auch die Erinnerung an den lebenden Komponisten und sein Ansehen gegen den Impressionismus mit rhythmischer Primitivität, polytonaler Stimmführung und südfranzösischer Melodieplastik. Heinrich Hollreiser wurde am Dirigentenpult den lyrischen und veristischen Werten vollauf gesucht. Daß es aber diese doch nur abendfüllende Ergänzung und nicht die aus mancherlei Gründen den Hauptakzent fördernde „Kluge“ war, die Gründgens selbst und in jeder Hinsicht erstklassig herausstellte, diese qualitativen, spielplanmäßigen und personellen Mißverhältnisse beweisen greifbar, daß die Düsseldorfer Oper um ihrer allgemeinen Geltung willen einige grundsätzliche Entscheidungen zu treffen hat. Johannes Jacobi