Mit den Medizinstudenten der Akademie in Heluan hatte es angefangen. Sie hatten einen Dreitagestreik gegen das von britischer Seite ausgesprochene Einreiseverbot für ägyptische Rechtsanwälte zur Verteidigung der bei den Sudanwahlen verhafteten ägyptenfreundlichen Demonstranten proklamiert. Die Regierung schloß daraufhin. die Fuad-I.-Universität, und die Mediziner protestierten dagegen, indem sie die Hörsäle und Laboratorien demolierten. Polizei griff ein, der – allgemein beliebte – Polizeichef Selim Zekki fuhr persönlich an der Akademie vor, um Übergriffe zu verhindern – da wurde er durch eine gerade in diesem Augenblick geschleuderte Handgranate tödlich verletzt. 30 Studenten, 50 Polizisten würden bei den anschließenden Kämpfen verwundet, über 300 Studenten verhaftet. Trotzdem dehnten sich die Kundgebungen bedrohlich aus; vom alten Sayeda-Zeinab-Viertel in Kairo bis zur modernen Universitätsstadt Alexandriens wurden aus allen Städten Zusammenstöße gemeldet.

Die ägyptische Regierung beschuldigt die jkbwan el Muslimun, die Islamische Brüderschaft, der Urheberschaft der meisten Attentate und Unruhen in den letzten zwei Jahren und des jetzigen Aufruhrs im besonderen und kündigt energische Unterdrückungsmaßnahmen gegen diese Bewegung an, in der sich nationalistische, religiöse und soziale Forderungen zu einer für das heutige politische Leben des Orients typischen Einheit verschmolzen haben. Weiteste Kreise der Bevölkerung seien der Regierung für eine starke Hand gegen die Terroristen dankbar, heißt es in einer Bekanntmachung des Ministerpräsidenten Nokraschi Pascha.

Dies trifft für reine Terrorakte zweifellos zu, und doch besteht die Gefahr, daß die Regierung durch einen scharfen Feldzug gegen die Moslimischen Brüder die aktivsten Kräfte und den bestes Nachwuchs des Landes lahm legt. Schon längst hat die Waft-Partei, in Mitgliederzahr noch immer die stärkste in Ägypten, die Unterstützung der Studenten und Hochschüler, aber, auch der energischsten Arbeiter- und Fellachenführer verloren, die dafür in Bewegungen wie die Ikhwan el Muslimen oder die ultranationalistische Misr-el-Fattat-Partei strömen.

Bewußt wenden diese Organisationen sich von dem Geist des Westens und seinem Vorbild auf politischem Gebiet ab. und suchen eine neue Synthese zwischen den politischen Erfordernissen des Orients, von heute und einer durch den Islam bestimmten religiösen Lebensform. In Ägypten ist diese Entwicklung am weitesten fortgeschritten, und sie wird gleichzeitig durch die schweren außen- und innenpolitischen Belastungen des Landes besonders, gefährlich: Die durch den Palästinakrieg verstärkte Inflation und die sozialen Spannungen sind in Ägypten noch stärker als in anderen arabischen Ländern fühlbar; seine Lebensinteressen glaubt es nicht nur in Palästina tödlich bedroht, sondern auch im Sudan, wo die Wahlergebnisse den ägyptischen Einfluß praktisch ganz auszuschalten drohen.

Daß gelegentlich kommunistische Agenten diese an sich, schon aus religiösen Gründen, unkommunistischen Bewegungen durch provokatorische -Aktionen für ihre Zwecke auszunutzen bestrebt sind, wie dies bei der gegen den Polizeichef geschleuderten Handgranate der Fall zu sein scheint, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier aus den Tiefen der arabischen Volksseele Neues entstehen will. Es wird der ganzen Geschicklichkeit der Regierung bedürfen, diese Entwicklung nicht in ein Chaos ausarten zu lassen. Eine gewaltigere Explosion als die der ersten Dezemberwoche würde sonst wahrscheinlich das gesamte Gefüge des Nahen Ostens erschüttern. Peter H. Schulze